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Der vorliegendeText wurde dem Freiburger Rundbrief, Nr. 1/ 2003
entnommen. Es ist eine Zeitschrift für christlich-jüdische Begegnung und
enthält wichtige Informationen über das christlich- jüdische Gespräch,
die auch für den Religionsunterricht bedeutsam sind. Der Bezug ist
kostenlos (Postfach 5703, 79025 Freiburg. Im vorliegenden Aufsatz erläutert der Rabbiner Walter Homolka die
Notwendigkeit einer eigenen Identität, gerade um so bereit für den
notwendigen Dialog der Religionen zu werden. Wenn auch sicher nicht
beabsichtigt, liefert er eine plausible Begründung für den konfessionellen
Religionsunterricht. Günter Kannen Judentum
und Gebet - heute Religion
und das Projekt „Zukunft" Walter Homolka* 1998 war ich mit der Herausgabe des
neuen Jüdischen Gebetbuches „Sefer ha-Tefilot" beschäftigt. Ein
niederländischer Kollege bekam den fertigen Band in die Hände und meinte
leicht abschätzig: ein Buch, ob das nicht etwas altmodisch sei. Heute könne
man doch auf dem Computer für jeden Gottesdienst Texte maßschneidern, aus
vielen Alternativen auswählen, hier etwas anreichern und da etwas
weglassen. Was heute durch Computer und
Internet zu einer unendlichen Vielfalt der Kombinationen und Möglichkeiten
angewachsen ist, hat schon vor einem Vierteljahrhundert seinen Anfang
genommen. Als 1975 in den Vereinigten Staaten das neue Gebetbuch „Gates of
Prayer" eingeführt wurde, war das spirituelle Schlaraffenland
ausgebrochen: zehn verschiedene Schabbat-Gottesdienste, fünf
unterschiedliche Ordnungen für die Toralesung und vier Versionen des Schlußgebetes
„Alenu" konnten miteinander munter kombiniert werden. Vor meinem
geistigen Auge fand ich mich in Alfred Bioleks Küche: der Rabbiner als
kundiger Koch, mit ausgefahrenen Geschmacksnerven und spitzen Fingern ein
Trendmahl aus geistigen Ingredienzen bereitend, das dann der Gemeinde je neu
aufgetischt würde. Abwechslung und immer wieder Neues war das Allheilmittel
der letzten Jahre gewesen – gegen religiös-spirituelle Langeweile und
wider die eingefahrenen Wege der Vorväter. Nun, zum Ende des Jahrtausends
sollte das Buch der Vergangenheit angehören? Statt dessen könnten
Flachbildschirme in den Gemeindebänken den je aktuellen Gottesdienstverlauf
anzeigen und so ungeahnte Überraschungsmomente für jeden
Gottesdienstbesucher bereithalten. Jüdisches Gebetserlebnis als Surfen
durch die spirituellen Kanäle digitaler Religion? Nun ist ein solcher Prozeß religiöser
Innovation ja im Prinzip nichts Schlechtes. Im Judentum heißt diese
spirituelle Schöpfungssituation kawwana. Sie war den Rabbinen
bedingungslose Voraussetzung für wahres Beten: Aufmerksamkeit,
Konzentration und Andacht. Es besagt – nach Jakob J. Petuchowski – das
zwanglose Ausschütten des Menschenherzens vor dem himmlischen Gegenüber.
Es bedeutet den spontanen Ausdruck unserer tiefsten Anliegen und unserer höchsten
Bestrebungen. Keine Requisiten, kein geistliches Zubehör organisierter
Religion waren nötig, um göttliches Gehör zu finden. Mit Gott können wir ganz
unterschiedlich und frei Zwiesprache halten. Von Moses wird berichtet,
einmal währte sein Gebet vierzig Tage und vierzig Nächte (Dtn 9,18) –
und sein Gebet wurde erhört. Bei einer anderen Gelegenheit – für seine
Schwester Mirjam – umfaßte das Gebet des Mose ganze fünf Worte (Num
12,13) – und auch dieses Gebet wurde erhört. Wer die Gebete der Psalmen
im Ohr hat, tut sich schwer mit der Vorstellung, daß die Verfasser als
Mitglieder eines Liturgieausschusses bemüht hätten sein können, den
Redaktionstermin nicht zu versäumen. Sondere
Dich nicht von der Gemeinde ab und glaube nicht für Dich allein (Rabbi
Hillel) Solche Gebete reiner Innerlichkeit
waren gängig bis weit ins 9. Jahrhundert unserer Zeitrechnung, als durch
das erste jüdische Gebetbuch eine festere Ordnung festgeschrieben wurde.
Ein solcher Beginn von Festlegung und Traditionsbildung ist eine notwendige
zusätzliche Sphäre des religiösen Lebens, wenn sie in der Gemeinschaft
stattfinden soll. Denn für in der Gemeinschaft gelebte Religion braucht es
Merkzeichen. Sie stellen das erkennbar Bleibende dar, das ein
Gottesdiensterlebnis an das andere knüpft. Eine Gemeinschaft ist keine
Ansammlung von Einzelmenschen. Es ist eine Gruppe von Menschen, die ein
gemeinsames Ziel und Anliegen haben. Wir sind, wer wir sind, durch
diejenigen, mit denen wir in Beziehung stehen. Darum würde jüdisches
Gemeindegebet aufhören, jüdisch zu sein, wenn der Gottesdienst von morgen
vollkommen anders wäre, als der Gottesdienst von heute, von gestern, von
vor hundert oder von vor tausend Jahren. Diese Notwendigkeit für das
erkennbar Bleibende führt zu einer Kristallisation von Tradition. Rabbi
Levi sagte: Gott erscheint für Israel wie ein Bild, auf dem überall viele
Gesichter zu sehen sind. Tausende von Menschen betrachten es und
es sieht jeden von ihnen an (Pesikta
de RavKahana 12,25) Religiöse Identität ist folglich
etwas, das ständig im Fluß ist. Sie drückt sich als Beziehung aus:
zwischen dem Denken der Vergangenheit, der Selbstvergewisserung der eigenen
religiösen Gemeinschaft und den Herausforderungen des heraufziehenden
Jahrhunderts. Religion im 21. Jahrhundert muß also den Brückenschlag
leisten zwischen dem Althergebrachten, dem Festgelegten und dem Bleibenden
auf der einen Seite und dem notwendigen Wandel, der Aktualisierung, dem Schöpferischen
auf der anderen. Auch wenn die Dimension historischen Gewachsenseins von
Religion die Relativität von scheinbar Unwandelbarem unterstreicht, ist die
Betrachtung der Vergangenheit immer leicht. Die Deutung der Gegenwart ist da
schon schwieriger. Denn wir sind selbst ein Teil des Prozesses, durch den
die Synthese von Kontinuität und Wandel herbeigeführt wird. Und eine
einheitliche Deutung unseres religiösen Herkommens ist sowieso schon passé.
Seit der Aufklärung hat sich das
Judentum in mindestens vier religiöse Grundrichtungen entwickelt, von denen
die Orthodoxie mit weltweit 6 % nur noch einen fundamentalen Rest ausmacht.
Damit ist der frühere absolute Wahrheitsanspruch von Tradition einer
mehrdeutigen Beschreibung letztgültiger Wirklichkeiten gewichen, wie ihn
das liberale und konservative Judentum, der Rekonstruktionismus oder die
Erweckungsbewegung beisteuern. Und global gesehen stehen wir an der Schwelle
zum 21. Jahrhundert vor einem universalen Marktplatz religiöser Möglichkeiten,
die medial weltweit verbunden sind. Im Grunde ist damit die Frage
angeschnitten: Was verleiht mir religiöse Identität – innerhalb einer
Religionsgemeinschaft und im Gegensatz zu einer anderen? Es kann keinen
Zweifel darüber geben, daß wir – beginnend mit der Aufklärung vor
zweihundert Jahren - in eine Phase eingetreten sind, die von einem
dramatischen Wandel aller Bedingungen des Daseins gekennzeichnet ist. Das
religiöse Bewußtsein ist davon nicht ausgenommen. Nur so erkläre ich mir,
mit welcher Hingebung oft an traditionellen Glaubensmustern festgehalten
wird, um sich im Schoß althergebrachter Gewißheiten zu bergen. Der
Modernisierungsschub seit der Aufklärung befreit nicht nur, er ruft Panik
in uns hervor, aus der die Gegenaufklärung ihre Kraft schöpfen kann. Neben der Flucht durch
Fundamentalisierung besteht die Gefahr des Synkretismus. Das Religiöse
beginnt sich zu verselbständigen und sich loszulösen aus dem
institutionellen Rahmen. Religion heute ist oft gekennzeichnet von einer
Verflüchtigung ins Private und einem stillschweigenden Mißtrauensvotum
gegenüber der scheinbaren Unentbehrlichkeit religiöser Autorität. Hier
lauert die Gefahr der Vermischung aller möglichen Sinnstiftungsangebote vom
ökologischen Mystizismus über die New-Age-Spiritualität bis hin zum
Therapie-Okkultismus mit traditionellen Elementen und Symbolen nicht nur des
Judentums, sondern auch der anderen Weltreligionen. Die Kernfrage für das
21. Jahrhundert wird also lauten: finden wir einen Weg zwischen
Fundamentalismus und Synkretismus, zwischen Isolation und Assimilation? Dieser Weg heißt für mich Treue:
Treue zum eigenen Ursprung, Treue zu den Schriften vergangener religiöser
Erfahrung, Treue zu den maßgeblichen Elementen, die meine
Religionsgemeinschaft wesentlich und existentiell ausmachen und Treue gegenüber
der „Wahrheit", die in meinem eigenen Traditionsgut verborgen ist und
immer wieder an neue Generationen überliefert wird. Für Religion im 21.
Jahrhundert wird also die Suche nach der eigenen und spezifischen
„Wahrheit" immer noch zentral sein. Nur so werden wir uns selbst
sicherer und können dem anderen bewußt begegnen. Von ganz entscheidender Bedeutung
wird sein, eine Dialogfähigkeit zu gewinnen, die das eigene religiöse
Fundament durch die Begegnung und die Erfahrung mit dem Anderen festigt und
stärkt. In der offenen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts werden wir nur
dann zu einem profilierten und erfolgreichen Miteinander gelangen, wenn wir
unseren eigenen religiösen Standpunkt in der Auseinandersetzung mit unserer
geistigen Umwelt gewinnen. Die Frage „Wer bin ich?" kann nur im
Zusammenhang mit der Frage beantwortet werden „Wer ist der Andere?".
Dazu müssen wir die Grammatik und das Zeichensystem unseres eigenen religiösen
Herkommens beherrschen und ihre Lesbarkeit in der Zukunft garantieren. Aber wir müssen auch damit fertig
werden, daß religiöser Pluralismus bedeutet, mit der Koexistenz
unterschiedlicher Lesarten fertig zu werden. Wer sich diesem Pluralismus öffnet,
geht durch manche Finsternis der Unwägbarkeit. Zu konstruktiver Toleranz
ist aber nur der fähig, der durch die Lebenskunst des Dialogs seine Identität
geschärft hat. Keine Identität ohne Begegnung, keine Begegnung ohne
Identität. Dabei bietet die Identität des Anderen gleichzeitig die Möglichkeit
der Begegnung mit mir selbst. Deshalb ist vor allem anderen wichtig, daß
wir die Identität anderer Religionen ehren und anerkennen. Nur auf der
Ebene der Anerkennung ist Begegnung erreichbar. Wir müssen davon Abstand
nehmen, den je anderen abwerben oder überzeugen zu wollen. Wir müssen
lernen, Rechthaberei abzulegen. Nur so werden wir lernen, mit den Augen des
Anderen verstehen zu lernen. Das gute, alte Gebetbuch wird also
seinen Platz und seine Bedeutung behaupten können. Religion im 21.
Jahrhundert muß nicht technisch aufrüsten oder Trendsetter werden.
Religion im 21. Jahrhundert wird nicht durch einen Konsens allgemeiner
religiöser Erregung ersetzt, sozusagen als spiritueller Stimmungsaufheller
Bestandteil unserer Gefühlshygiene. Religion im 21. Jahrhundert erhält
ihren Wert und ihre Bedeutung nicht als spiritueller Ecstasy-Kick, immer auf
der Suche nach neuen Reizen und originellen Mitteln spiritueller
Abwechslung. Statt dessen wird Religion aus dem
Schatz ihrer Tradition Anhaltspunkte geben, wie wir unser Leben
verantwortlich gestalten können. Wir brauchen solche Merkzeichen aus der
Vergangenheit und wir brauchen die über die Jahrhunderte gewachsene Ordnung
der Gemeinschaft. Dazu gehört im Judentum z. B. eine Gebetsordnung, die der
Spontanität religiöser Ergriffenheit die heilige Routine des wohlgesetzten
Wortes zur Seite stellt. Aus der Spannung von Kontinuität und Wandel
entsteht ein spirituelles Klima, das uns eigenständige Wege in die Zukunft
weist. Religion muß das Projekt Zukunft
ernst nehmen: durch eine Besinnung auf den eigenen Standpunkt vor dem
Horizont der Moderne und durch den festen Willen zur Kooperation, auch
angesichts offensichtlicher Differenz zwischen den Religionsgemeinschaften. Gott
liebt die Gerechten. Warum? Weil ihre Tugend nichts Ererbtes ist. Selbst
ein Heide kann aber ein Gerechter werden. Denn
die Gerechten kommen nicht aus einem bestimmten Stamm, sie
haben sich diesen Vorzug erworben. (Midrasch
Tehillim zu Psalm 146,8). * Rabbiner Dr.
Walter Homolka ist Dozent am Abraham Geiger Kolleg Potsdam und Autor
zahlreicher Bücher zum Verständnis des zeitgenössischen Judentums. Bis
2000 war er Landesrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinden von
Niedersachsen. Festvortrag aus Anlass der Überreichung der
Leopold-Moses-Medaille 2002 des Instituts der Geschichte der Juden in Österreich
an Rabbiner Dr. Walter Homolka am 10. Juni 2002 in Wien, erstveröffentlicht
in: Keschet, Mitteilungsblatt der Union progressiver Juden in Deutschland,
Österreich und der Schweiz, Jg. 7, Juli-August 2002,4-5.
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Gemen 2010 Die Entdeckung der Fiktionalität bibIischer Texte 17. - 19. Februar 2010
Tagung in Gemen Das Photo zeigt die Wasserburg in Gemen /Westfalen. Dort finden seit mehr als 15 Jahren jeweils ab Aschermittwoch dreitägige Fortbildungen statt. Dem Verband ist es gelungen, die Zahl der TeilnehmerInnen durch attraktive Programme auf einem sehr hohen Niveau zu halten. Mehr als 100 Kolleginnen und Kollegen treffen sich zu Vorträgen, Diskussionen, Plenumsgesprächen und allgemeinem Gedankenaustausch. Das Photo unten zeigt den Dom zu Münster, dessen Bischof regelmäßiger Gast unserer Fortbildungstage in Gemen ist.
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