Fünf Gottesdienste

Frühschicht zum Symbol der Hand


Frühschicht zum Symbol Brunnen


Gottesdienst  "Verwandlung ins Leben"


Frühschicht im Advent zum Thema "Dornen"


Ai-Gottesdienst zum Tag der Menschenrechte

 

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Gottesdienste

Gottesdienst 1

Frühschicht zum Symbol „Hand" – Vorbereitung Jahrgangsstufe 6

„Wir sind eingeschrieben in Gottes Hand"

 

Querflötenspiel

  Wir, die Klasse 6b, begrüßen euch ganz herzlich zu dieser Frühschicht. Wir beginnen sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Wir wollen euch einladen, mit uns heute das Symbol der Hand zu bedenken.

 

-         Pause –

 

Unsere Hände sind ein wichtiger Teil unseres Körpers. Durch sie sind wir hand-lungsfähig, fähig zu den unterschiedlichsten Taten. Mit ihnen können wir drohen, schlagen, verletzen, zerstören.

Wir können aber auch aufbauen, heilen, streicheln, die Hand zur Vergebung reichen. Mit unseren Händen gestalten wir hand-fest unsere Welt.

Um einen Menschen zu identifizieren, genügt eine Hand, ja sogar ein Fingerabdruck. Diese oder jene Tat kann „unsere Handschrift" zeigen.Wir sprechen mit unseren Händen. Sie zeigen unsere inneren Zustände, wenn wir sie zur Faust ballen, mit leeren Händen dastehen oder sie zum Schwur erheben. Soll einem bestimmten Menschen eine Nachricht ganz persönlich zukommen, dann wird sie „zu Händen von .." adressiert.

Unsere Handhaltung, unsere Hände sind Ausdruck unserer Persönlichkeit

 

Walter Habdank: In manibus tuis (Holzschnitt)

Aus: In Erwartung. Meditationen von Ambrosius Karl Ruf zu Holzschnitten von Walter Habdank. Freiburg 1979. S. 51

 

dazu: meditative Musik

 

Bildbetrachtung:

Da schmiegt sich einer in eine große Hand. Wie Gulliver im Lande der Riesen mag sich dieser Winzling fühlen. Es gibt Größeres als ihn, und es zerdrückt ihn nicht. -

Seine Augen hat er abgewendet. Sie spiegeln Ruhe und Vertrauen. Wie der Bergsteiger, der den Gipfel erklommen hat, kann er in die Tiefe blicken. - Weit weg von ihm ist das, was ihm Angst macht. Alles das ist klein geworden, und er kann herabschauen auf alles, was einst so bedeutend und wichtig war. -

Er braucht sich nicht anzuspannen und festzuklammern. Er ist geborgen und wird getragen von der großen Hand. Ganz schmiegt er sich hinein. Mit der Fläche seines Körpers, mit seiner Haut, nimmt er den Pulsschlag dessen wahr, der ihn trägt.

Die große Hand leugnet ihre Kennzeichen nicht. Sie trägt keine Handschuhe, die die Fingerspuren verschleiern sollen, weil sie ihre Taten verbergen will. Die Hand zeigt sich ganz, um den Winzling aufzunehmen, um ihm Schutz und Bergung zu geben.

In der Bibel bringen Menschen ihr Vertrauen zum Ausdruck, dass es eine Hand gibt, die so groß ist, dass man getrost sein Leben aus der Hand geben kann, in die Hand Gottes. In seinem Sterben am Kreuz vertraut sich Jesus diesen Händen seines Vaters an: „Vater in deine Hände empfehle ich meinen Geist."

Auch wir dürfen darauf vertrauen, in Gottes Hand geborgen zu sein. Beim Propheten Jesaja spricht Gott zum Volk Israel: „Ich habe dich in meine Hände geschrieben. Du bist mein."

 

meditative Musik

 

Gottes Hand.

Ein menschliches Bild.

Fürsorge, Zärtlichkeit, Kraft liegen darin.

Eine offene Hand, in der ich geborgen sein darf,

Eine Hand, die mich nicht zurückhält,

sondern mich fördert,

die mich nicht abhält,

sondern zu mir hält.

die mir Kraft gibt für mein Leben.

 

-         Pause –

 

In einem gemeinsamen Gebet wollen wir unser Vertrauen auf Gottes bergende Hand zum Ausdruck bringen. Nach den Abschnitten, die von einzelnen vorgetragen werden, sprechen wir gemeinsam den Psalmvers: Geborgen ist mein Leben in Gott. Er hält mich in seinen Händen.

 

Geborgen ist mein Leben in Gott.

Er hält mich in seinen Händen.

Manchmal habe ich Angst.

Ich fühle mich einsam und allein.

Wer ist da, der mich tröstet?

 

Geborgen ist mein Leben in Gott.

Er hält mich in seinen Händen.

Manchmal bin ich bedrückt.

Oft weiß ich nicht - warum...

Wer ist da, der mich in seinen Arm nimmt?

 

Geborgen ist mein Leben in Gott.

Er hält mich in seinen Händen.

Manchmal habe ich das Gefühl,

dass mich niemand leiden kann.

Oft mag ich mich selbst nicht.

Wer ist da, der mich verstehen will?

 

Geborgen ist mein Leben in Gott.

Er hält mich in seinen Händen.

Manchmal bin ich feige.

Ich traue mich nicht, den Mund aufzumachen.

Ich habe nicht den Mut, das Rechte zu tun.

Wer ist da, der mir hilft?

 

Geborgen ist mein Leben in Gott.

Er hält mich in seinen Händen.

Manchmal habe ich Angst vor der Zukunft.

Wer ist da , der mich in dieser Angst begleitet?

 

Geborgen ist mein Leben in Gott.

Er hält mich in seinen Händen.

Er ist für mich da.

Er hat mich lieb.

 

Wir singen gemeinsam das Lied: He´s got the whole world in his hands

(Nr.133, 1- 4).

 

Es gibt ein uraltes Zeichen der Versöhnung: den Friedensgruß. Wir reichen die Hände nach rechts und links. Wir ergreifen die Hand, die uns angeboten wird. Wir sind nicht allein. Wir spüren die Hände unserer Nachbarn und Nachbarinnen in unseren Händen. Sie sind ganz verschieden: kräftig und zart, fest und weich, warm und kalt. Durch die vielen Hände, die gereicht werden, bilden wir eine spürbare Brücke, machen wir uns bewußt, dass wir Kinder des einen Vaters sind. Darum sprechen wir gemeinsam das Vater Unser.

 

Vater Unser (gemeinsam sprechen)

 

- Pause -

 

Herr, unser Gott,

Dein Sohn Jesus Christus hat uns gelehrt, dich Vater zu nennen.

Er hat uns seine Hand gereicht, noch mehr:

Sein Leben gab er für uns.

Der Prophet Jesaja sagt uns, dass du jeden von uns in Deine Hand eingeschrieben hat:

Unser Schicksal ist Dein Schicksal.

Doch du hast uns zwei Hände gegeben,

dass wir das Gute, das wir von dir empfangen, weitergeben.

Du hast keine anderen Hände als unsere.

Lass uns bei jedem Händedruck,

bei jeder freundlichen Geste,

aber auch bei jeder Verweigerung begreifen,

dass unsere Hände Deine Hände sind.

In die Nachfolge Christi gerufen, sollen wir tun, was er getan hat:

uns als Brüder und Schwestern annehmen heute und alle Tage.

 

-         Pause –

 

Ein chinesischer Dichter beschreibt, wie wichtig und wertvoll unsere kleinen Hände werden, weil wir mit ihnen Gottes Werk in der Welt weiter gestalten können.

 

Neue Dinge erfinden, ich kann es nicht,

etwa Flugzeuge, die mit silbernen Flügeln dahinsegeln.

Aber heute, in der Frühe, da wurde mir

ein Gedanke geschenkt, ein wunderbarer Gedanke

und die abgeschabten Stellen meines Kleides

wurden auf einmal schön,

leuchtend von einem Licht, das vom Himmel fiel

wie Gold und Silber so hell und wie Bronze,

Lichter aus himmlischen Fenstern.

Der Gedanke war der, dass ein geheimer Plan

verborgen ist in meiner Hand,

dass meine Hand groß ist, groß um des Planes willen,

dass Gott, wohnend in meiner Hand, den geheimen

Plan kennt, den Plan von dem, was er tun will für die Welt

durch meine Hand.

 

- Pause -

 

Wir singen gemeinsam das Lied „Hilf, Herr meines Lebens" Nr. 134, 1.3. u. 4. Strophe

 

Schlußgebet:

Vater in deine Hände lege ich diesen Tag

In deine Hände lege ich meine Wege,

die ich heute gehe.

Ich bitte dich, begleite mich.

In deine Hände lege ich meine Aufgaben

in der Schule

und nach der Schule.

Ich bitte dich, führe mich.

In deine Hände lege ich unsere ganze Klasse.

Ich bitte dich, hilf uns allen.

In deine Hände lege ich meine Eltern

und meine Geschwister.

Ich bitte dich, beschütze sie.

In deine Hände lege ich die Lehrerinnen

und Lehrer unserer Schule.

Ich bitte dich, steh ihnen bei.

In deine Hände lege ich die ganze Erde.

Ich bitte dich, segne sie.

 

Zum Abschluss singen wir gemeinsam das Lied „Gib uns Frieden jeden Tag" Nr. 95,1.-3. Strophe

 

Wir beenden diese Frühschicht im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

 

Zur Erinnerung an diese Frühschicht haben wir für alle eine Hand gestaltet, die uns an die Verheißung des Propheten Jesaja erinnern soll, daß wir eingeschrieben sind in Gottes Hand.

 

Alle, die die Hände gestaltet haben, verteilen sie an die Anwesenden. (Auf farbigen Fotokarton ist mit Wasserfarbe eine Hand abgedruckt und den Umrissen nach ausgeschnitten. In der Handfläche steht die Verheißung: „Ich habe dich in meine Hand geschrieben. Du bist mein." (Jesaja)

 

 

 

 

 

 

 

Gottesdienst 2

Frühschicht zum Symbol „Brunnen“ - Vorbereitung Jahrgangsstufe 9

  „In den Brunnen sehen - in die Tiefe gehen“

Zur Einstimmung: Entspannungsmusik (Hübner)

  Wir begrüßen euch zur heutigen Frühschicht, die wir beginnen: Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

  Vor uns in der Mitte haben wir einen Brunnen nachgebildet. Er soll uns ein Zeichen sein, den Sinn des Advents tiefer zu verstehen.

  Echte Brunnen sind in unserer Umgebung kaum noch zu finden. In früheren Zeiten war der Brunnen vor dem Tor, der Brunnen im Dorf, im Hof für die Menschen von großer Bedeutung. Aus ihm konnten sie das lebensnotwendige Wasser schöpfen.

Natürlich gibt es in unseren Städten noch Brunnen. Sie sind meist kunstvoll gestaltet. Ihr Fließen und Plätschern erfreut die Betrachter. Aber ihr Wasser ist oft nicht mehr sauber, weil es immer wieder dasselbe Wasser ist, das da fließt.

Und dennoch erfaßt viele von uns eine Sehnsucht, ein Träumen, wenn wir von Brunnen sprechen. Wir erinnern uns an Tiefe und geheimnisvolle, unsichtbare Quellen und unter­irdische Ströme. Wir träumen von lebendigem, klarem Wasser, das unaufhörlich sprudelt.

 

In Mythen und Märchen aller Völker spielen Brunnen eine zentrale Rolle. Jeder kennt den Brunnen im Märchen vom Froschkönig oder bei Frau Holle. In der religionsgeschichtlichen Überlieferung begegnen wir Brunnen und Wasser als Bild für den Ur-Anfang von Welt und Leben.

 

Stellen wir uns unseren Brunnen vor. Jeder und jede auf die eigene Weise. Wir können dazu die Augen schließen:

Welche Form hat mein Brunnen?

Steht er da in einer bestimmten Farbe?

Wie sieht die Umgebung aus, die Landschaft, in der er steht?

Blicken wir nun in Gedanken in unseren Brunnen hinein.

Das Wasser ist ruhig, die Oberfläche glatt. Wir können uns in der Spiegelung des Wassers entdecken.

Werfen wir dagegen einen Stein in den Brunnen, sehen wir das Wasser, das sich bewegt und leichte Wellen schlägt. – Unser Gesicht können wir nur erkennen, wenn das Wasser ruhig ist.

  Anfang

In der Zeit des Advents und in dieser Frühschicht wollen wir still werden, in den Brunnen sehen, in die Tiefe blicken – und dabei uns selbst erkennen. Wir wollen suchen nach der Quelle, aus der wir leben.

 

Musik: „ La Source“ (Flöte u. Harfe)

  Wir alle tragen in uns eine tiefe Sehnsucht, den Wunsch, an unsere ur-eigene Lebensquelle zu gelangen. Davon erzählt ein Märchen aus Bolivien

  Das Land der Brunnen

Es war einmal ein großes weites Land. Die Bewohner dieses Landes erzählten:

Mitten in unserm Land ragt ein Berg auf, hoch und gewaltig. Sein Gipfel ist fast immer in Wolken gehüllt. Mächtig, fest und still ragt der König in den Himmel hinein.

Uralt ist der hohe Berg. Wind und Wetter können ihm nichts anhaben. Innen, in seiner Tiefe, birgt dieser Berg ein Geheimnis.

Wer diesen Berg besteigt, kann ins weite Land schauen. Nach allen Seiten hin breitet es sich aus: nach Norden und Süden, nach Osten und Westen. „Land der Brunnen“ wird dieses Land genannt, denn viele Brunnen sind in ihm gegraben, größere und kleinere. Manche sind kostbar verziert, andere sind einfach gebaut. Es gibt Brunnen aus Felsgestein erbaut und andere aus Ziegelsteinen gemauert.

Doch seltsam! Das Land ist trocken, wüst und öde, trotz der vielen Brunnen. Wie ist das mög­lich? Warum geben die Brunnen kein Wasser, kein Leben? Sie sind zugeschüttet, verstopft mit Geröll und mit Steinen. Sie sind gefüllt bis an den Rand mit Abfall, Sand und Dreck.

Einer der Brunnen, der älteste von allen, - so wird erzählt - beginnt eines Tages nachzudenken über sein Leben und den Sinn seines Daseins. „Warum bin ich kein lebendiger Brunnen mehr?“ fragte er sich. „Wozu bin ich da, wenn ich kein Wasser spende, kein Leben schenke? Ich will herausfinden, ob in mir noch eine Quelle fließt. Ich will in mich gehen, bis auf den Grund kommen, meiner Lebensquelle nachspüren.“

Der Brunnen muß graben, in die Tiefe steigen. Er muß Schutt, Geröll, Abfall und Sand ausräumen, was sich da angesammelt hat. Manche Steine sind kantig und schwer, mancher Dreck sehr verhärtet. In mühsamer, harter Arbeit reinigt der Brunnen sich selbst. „Ich gebe nicht auf! Ich will es schaffen!“ stöhnt und ächzt er bei der anstrengenden Arbeit.

Eines Tages ist es geschafft. Der Brunnen ist gereinigt. Ganz in der Tiefe wird eine Quelle frei­gelegt, die klares, frisches Wasser hervorbringt. Das Quellwasser sprudelt, singt und steigt höher und immer höher. Der ganze Brunnen füllt sich bis zum Rand. Bald schon fließt der Brunnen über und ergießt sich auf das trockene Land. Das aufgestaute Wasser drängt kraftvoll aus der Tiefe in die Höhe. Der Brunnen wird zu einem Lebensquell, der frisches, klares Was­ser hervorsprudelt. Das dürstende Land wird getränkt, Menschen und Tiere kom­men, um ihren Durst zu löschen. Das Wasser erfrischt und macht alles ringsum lebendig. Das Land der Brunnen wird grün und beginnt zu blühen.

Die anderen Brunnen im Land wundern sich. „Seht nur“, sagen sie, „der alte Brunnen wird jung und lebendig. Er gibt Wasser. Wie ist das möglich?“ Zunächst hatten sie gelacht, als der alte Brunnen sich quälte und anstrengte, den Schutt herauszubringen. „Er scheint verrückt zu sein“, hatten sie gesagt. Doch jetzt begannen viele nachzudenken, in die Tiefe zu gehen, um die verstopften Lebensquellen wieder freizulegen. Sie müssen sich anstregen. Sie suchen und finden ihre Quellen. In allen Brunnen beginnt es zu fließen. Alle füllen sich und schenken dem Land Leben. Alles ringsum verändert sich. Alles wird ganz neu.

Die Brunnen, die wieder gefüllt sind mit frischem Wasser, finden bald heraus, daß das Was­ser, das sie füllt, aus einem großen Strom kommt, der in der Tiefe fließt. „Wir sind alle mit­einander verbunden,“ plätschern und singen sie. „ Wo aber ist der Anfang dieses Stromes? Wo ist der Ursprung?“

In der Mitte des Landes ragt still der große Berg in den Himmel. Der König der Berge birgt still sein Geheimnis. Tief in ihm sprudelt eine Quelle ganz rein und klar. Aus ihm fließt das Wasser, das alle Brunnen speisen kann. Wer es einläßt, aufnimmt, wer sich füllen läßt, wird ein lebendiger Brunnen. Er spendet frisches Wasse,r und alles um ihn her lebt auf. Das Land der Brunnen ist ein grünes, blühendes, fruchtbares Land geworden.

(Quelle unbekannt)

 

Meditation Brunnenreinigung (Text Simone)/Musik: Edvard Grieg: Morgenstimmung

Wenn ein Brunnen vertrocknet ist, so sind in ihm nur noch Staub und große schwere Steine. Sie verdecken die Quelle und die wahren Aufgaben des Brunnens. Sie liegen im Weg.

Ihretwegen kann ich weder klares Wasser, noch wirkliche Schönheit finden.

Wenn ich mir vorstelle, ich sei dieser Brunnen, so stelle ich fest, daß ich mich selbst auch nicht klar sehe. Wer bin ich? Wie kann ich mich finden?

(Musik)

Ich will es herausfinden, ergründen. Dazu werde ich Brocken für Brocken wegnehmen, Stein für Stein aus dem Weg räumen. Jeder große, schwere Stein, den ich entferne, bringt mich dem Wasser näher. Dann werde ich meiner Quelle näherkommen, Stück für Stück, bis sie wieder sprudelt.

Musik wirken lassen, bis langsame Passage einsetzt.

Ein großer Stein ist die Hektik. Sie ist immer da, regiert meinen Alltag. Ich habe gelernt, mit ihr zu leben. Doch jetzt stelle ich fest, daß sie gar nicht ein Teil von mir war.

(Stein entfernen)

Der zweite Stein ist das Oberflächliche. Damit übersehe ich häufig die wahren, wichtigen Dinge. Wenn es fehlt, komme ich meiner Quelle näher.

(Stein entfernen)

Der nächste Stein steht für die Lügen. Mit all den kleinen Notlügen sowie den großen Lügen baue ich eine Mauer um mich, die mich zunehmend einengt und gefangennimmt.

(Stein entfernen)

Der schwerste und letzte Stein ist die Fassade. Wie ich mich gebe. Wie ich wirken will.

Doch mein Äußeres entspricht nicht meinem Inneren.

(Stein entfernen)

(Pause)

Wenn alle Steine aus dem Weg geräumt sind und der Staub, die vielen kleinen Gedankenlosigkeiten und Lieblosigkeiten entfernt sind, dann strömt Wasser in den Brunnen. Ich blicke hinein und spiegele mich. Ich kann mich selbst erkennen.. Ich erkenne, daß ich nicht aus mir heraus lebe, sondern aus einer Quelle, die mich speist und nährt.

Gott, du bist die Quelle der Quellen, aus der ich Lebensenergie nehmen, halten und weitergeben darf.

 

 

Das Lied vom Wasser

Ich singe das Lied vom Wasser,

vom Urmeer, vom Schilfmeer, vom Nil,

von Quelle und Wildbach und Thermen,

von allem, was fließt und was tropft.

 

Ich singe das Lied vom Wasser,

vom schlammigen, sumpfigen Moor,

von Regen und Blitzguß und Stausee,

von dem, was uns leben läßt.

 

Ich singe das Lied vom Wasser,

von der Träne des Schmerzes, der Wut,

das Lied von der Freudenträne,

das Lied von Ebbe und Flut.

 

Ich singe das Lied vom Wasser,

das in Kana wurde zu Wein,

das den Kranken heilt in Bethesda,

auf dem Jesus schläft mitten im Sturm.

 

Ich singe das Lied vom Wasser,

das Er am Jakobsbrunnen versprach.

Wasser für die Frau aus Samaria,

Wasser, das den tiefen Durst stillt.

Wasser auch für die sechs Männer der Frau,

das abwäscht alle Schuld.

 

Ich singe das Lied von Ihm, der da kommt

auf diese verkarstete Erde

zu uns verdurstenden Menschen.

Der da kommt wie ein Tau aus der Höhe,

wie ein fruchtbarer Regen auf das Land,

wie ein Quell aus der Tiefe.

 

Ich singe das Lied von Ihm,

der den Weg weiß zum uralten Brunnen,

wo die heilende Quelle noch fließt,

verschüttet von Geröll und Geschichte,

vergessen von uns, den hetzenden Gehetzten,

wiederentdeckt, erschlossen von Ihm.

 

Ich singe das Lied von Ihm,

der uns alle einlädt:

„Kommt alle zu mir, die ihr Durst habt!

Ich will Eure Sehnsucht stillen.“

Aus: Ich glaube. Arbeitsbuch zur Firmvorbereitung. Kösel-Verlag

 

Gottesdienst 3

Thema "Verwandlung ins Leben" (Vorbereitung Klasse 6)

Im Namen der Klasse 6d begrüßen wir euch ganz herzlich zu unserer letzten  Frühschicht in der Fastenzeit. Wir beginnen sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Schale mit Erde mit einer toten Wurzel mit Laub mit Stein

Die Schale in unserer Mitte: dunkle Erde -  Laub vom Vorjahr - Steine - ein Holzklotz  - dürre Zweige - Braun - Grau - Schwarz - Kein Leben ist mehr erkennbar. - Alles scheint tot.

Manchmal fühle ich mich wie diese Schale. Leblosigkeit und Totsein erlebe ich,

 

-         wenn eine Freundschaft in die Brüche geht

-         wenn ich mich von einem lieben Menschen trennen muss

-         wenn ich ausgenutzt werde

-         wenn ich nicht dazugehören darf

-         wenn ich mich verraten fühle

-         wenn man mich abgeschoben hat

-         wenn ich merke, ich schaffe es nicht

-         wenn ich keinen Mut mehr habe

-         wenn ich nicht mehr staunen kann

-         wenn mir alles gleichgültig wird.

 

 

Leben erloschen - Hoffnungen enttäuscht- Träume begraben - das letzte Wort gesagt - Mienen erstarrt - Türen  zugeschlagen - Eiseskälte - Totenstille

 

-         Pause-

  

Aus und vorbei - Zu spät - Da kann man eh´ nichts mehr machen - Damit muss man sich abfinden - Das war doch längst abzusehen - Erledigt

  

Meditative Musik

 

Aus dem Buch der Psalmen

 Mit lauter Stimme schreie ich zum Herrn,

laut flehe ich zum Herrn um Gnade.

Ich schütte vor ihm meine Klagen aus,

eröffne ihm meine Not.

Wenn auch mein Geist in mir verzagt,

du kennst meinen Pfad.

Auf dem Weg, den ich gehe,

legten sie mir Schlingen.

Ich blicke nach rechts und schaue aus,

doch niemand ist da, der mich beachtet.

Mir ist jede Zuflucht genommen,

niemand fragt nach meinem Leben.

Herr, ich schreie zu dir,

ich sage: Meine Zuflucht bist du,

mein Anteil im Land der Lebenden.

Vernimm doch mein Flehen,

denn ich bin arm und elend.

Meinen Verfolgern entreiß mich;

Sie sind viel stärker als ich.

Führe mich heraus aus dem Kerker,

damit ich deinen Namen preise.

 

Der Beter dieses Psalms spürt die Macht des Todes, die ihn umgibt. Aber er findet sich nicht mit seiner Situation ab. Aus der Tiefe ruft  und schreit er zu seinem Gott, dass er ihn heraushole aus dem Todeskerker seiner Angst und Ohnmacht.  Der Beter vertraut: stärker als jeder Tod ist die Macht seines Gottes. Aus diesem Vertrauen gewinnt er Mut zum Leben.

 

Gott, wir hören die resignierenden Worte: Tot ist tot. Aber du hast uns an deinem Sohn gezeigt, du bist stärker als der Tod. Im Vertrauen auf dich dürfen wir hoffen, dass der Tod in unserem Leben nicht das letzte Wort hat. Du vermagst auch uns  aus Erstarrung herauszuholen und neues Leben zu schenken.

 

Wir sprechen im folgenden Gebet jeweils als Kehrvers: Weck uns auf

 

Lebendiger Gott

Aus dem Schlaf der Sicherheit

            Jeweils alle: Weck uns auf

Auf dem Tod der Liebe

            Weck uns auf

Aus der Faulheit des Denkens

            Weck uns auf

Aus dem Tod der Hoffnung

            Weck uns auf

Aus der Dürre der Phantasie

            Weck uns auf

Aus dem Schlaf der Sinne

            Weck uns auf

Aus dem Tod der Gefühle

            Weck uns auf

Aus Kleinlichkeit und Enge

            Weck uns auf.

 

 

Schale mit keimenden Pflanzen - Meditative Musik

 

 

Da, wo alles aussichtslos schien, zeigt sich neues Leben, zaghaft erst und vorsichtig. Das junge Grün ist Zeichen der Hoffnung, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Die jungen Keime sind noch zart, aber sie werden sich durchsetzen.

Sprecher 20

Am Leben Jesu ist zu erkennen: der Tod macht das Leben neu und fruchtbar. Wie das Samenkorn stirbt und zu neuem Leben erwacht, zu einem Halm, zu einer Pflanze oder Blume, so wirst  du auch unsern Tod in neues Leben verwandeln.

 

Lied: Kleines Senfkorn Hoffnung

 

 

Lass uns jetzt schon verwandelt werden und auferstehen aus der Lüge, aus dem Streit, aus dem Unrecht, aus dem Unfrieden, aus der Kälte, aus der eisigen Starre und dem Tod. Gib, dass das neue Leben an uns sichtbar wird, und lass das wahre Leben Jesu in uns allen Wurzeln schlagen.

 

Gott, Du

Drängendes Leben

Durchdringe den Schnee

Zerschlage das Eis

Verdränge die Kälte

 

Du

Drängendes Leben

Grüne und Knospe

Keime und blühe

Sprieße und sprosse

 

Du

Drängendes Leben

Zwitschere und pfeife

Hüpfe und springe

Singe und tanze

 

Gott,

du drängendes Leben

Lass mich aufwachen

Zu einem neuen Frühling mit dir.

 

 

Lass mich dein Verbündeter sein

Damit die Welt nicht endet im Tod

Lass mich dein Werkzeug sein

Damit die Erde nicht endet in Verwüstung

Lass mich deinen Willen tun

Damit die Menschen nicht enden im Hass

Lass mich handeln in deiner Kraft

Damit deine Schöpfung endet in der Fülle des Lebens

 

Schale mit blühenden Pflanzen

Meditative Musik

 

 

Das Leben ist stärker. Denn du Gott, bist ein Freund des Lebens. Du willst, dass wir das Leben haben und es in Fülle haben. - Noch ist die Pracht der Blumen ein Zeichen der Hoffnung, Ausdruck einer Verheißung, die noch auf letzte Erfüllung wartet. Noch begegnen in unserem Leben Leid und Tod.  Doch mit der Auferstehung Jesu haben wir Grund zur Hoffnung, dass du Gott stärker bist als  alles, was uns niederdrückt.

 

Gott,

Du, hinter uns

Hinter allem, was war

Kraft, die hervorbringt

Die Leben will

Entfaltung

 

Gott,

Du, in uns

In allem was ist

Kraft, die uns durchdringt

Die Reifung will

Verwandlung

 

Gott,

Du, vor uns

Vor allem, was wird

Kraft, die vorantreibt

Die Liebe will

Vollendung

 

Du Lebendiger Gott

Du bist stärker als der Tod

 

 

Ich strecke dir jeden Tod entgegen

Die lähmende Einsamkeit

Die zerbrochene Beziehung

Die bodenlose Traurigkeit

Das geistlose Dahinsiechen

Das schreckliche Elend

Die schmerzliche Trennung

Das erschütternde Unglück

Das Sterben der Lieben

Sei du das Leben in jedem Tod

Setz du immer wieder einen neuen Anfang des Lebens

Amen

 

Lied: Alle Knospen springen auf

 

Wir beenden diese Frühschicht im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Zur Erinnerung an diese Frühschicht verteilen wir selbstgestaltete Blumentöpfe mit sprießenden Pflanzen, die Ausdruck unserer Freude und unserer Hoffnung sein sollen.

Am Ende dieser Frühschicht laden wir euch alle zu einem gemeinsamen Frühstück ein.

 

Gottesdienst 4

Zweite Frühschicht im Advent 1998 (11.12.98) – „Dornen“

 

 

Maria durch ein Dornwald ging (Kerstin/Geige)

 

(Sprecher 1)

Wir begrüßen euch zu dieser zweiten Frühschicht, die wir beginnen im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

 

(Sprecher 2)

Auch heute möchten wir ein Symbol wählen, das uns auf unserem Adventsweg, auf dem Weg zum Weihnachtsfest, begleiten kann.

Vom Tannenzweig über den Barbarazweig kommen wir nun zu einem Zweig, mit dem man sicher nichts Erfreuliches verbindet, dem Dornenzweig. –  (Pause)

 

(Sprecher 3 besonders deutlich sprechen,  lange Pausen nach den Sinneinheiten. Sprecher 4,5,6 legen Dornenzweige auf den „Tuchweg“)

Dornen –

- sind Hindernis - - versperren den Weg

-         verletzen - reißen Wunden – fügen Schmerzen zu

-          mit ihnen kann man foltern und quälen. -----

(nachdem alle wieder sitzen:)

Der kahle Dornenzweig mit seinen spitzen Stacheln steht als Symbol für die Schmerzen in unserem Leben, das Leiden in unserer Welt.

 

(Sprecher 2)

Dornen, Leiden stehen im Mittelpunkt der Passionszeit, aber zu Weihnachten scheinen sie nicht zu passen. Zu Weihnachten denken wir eher an die herzliche Nähe von Mutter und Kind, die Freude der Hirten, den himmlischen Lobpreis der Engel. -  Weihnachten –  das Fest des Friedens und der Freude.

 

(Einblendung der Geburtsszene aus dem Isenheimer Altar – (dazu Musik)

(Sprecher 4, jeweils erst beginnen, wenn die Musik ausgeblendet wird)

Der Künstler Matthias Grünewald hat vor 500 Jahren dieses Weihnachtsbild geschaffen. Es gehört zum berühmten Isenheimer Altar.

Die Bildwelt, die Grünewald gestaltet hat, entspricht unseren Vorstellungen:

 

Maria, mit einem königlichen Gewand angetan, sitzt in einem herrlichen Garten. Von oben strahlt der Glanz Gottes auf sie herab und macht die Welt hell. Die Mutter blickt zärtlich auf das Kind, das sie in ihren Armen hält.

Ein Bild voll Erhabenheit und Harmonie.

 

Und doch: schauen wir noch einmal genauer hin:

 

(Einblendung der Detailaufnahme) – längere Pause lassen

 

Das Windeltuch, in dem Maria ihr Kind hält, scheint nicht zu dem kostbaren Mantel Mariens zu passen.

Es ist zerrissenen, schmutzig, nicht mehr als ein Stofffetzen. Unwürdig für den Sohn Gottes.

 

-Musik-

 

Wer die verschiedenen Bildtafeln des Isenheimer Altares betrachtet, entdeckt, dass der Künstler hier ein besonderes Zeichen gesetzt hat.

Das Tuch, auf dem das neugeborene Kindes gebettet ist, begegnet dem Betrachter ein zweites Mal:

 

(Einblendung der Kreuzigungsszene) – Musik

 

 

(Rückblendung zur Detailaufnahme) - Musik

 

Schon bei der Geburt des Kindes deutet sich sein späteres Schicksal an. Der Weg Jesu führt von der Krippe über sein Erdenleben hin zum Kreuz.

 

Krippe und Kreuz sind aus einem Holz. So gehören auch die Dornen, das menschliche Leid, zum Advent und zu Weihnachten.

 

Geige

 

(Sprecher 5)

In der Bibel begegnen wir dem Dornenzweig sowohl im Alten als auch im Neuen Testament.

So wird im Buch Exodus der Dornbusch zum Ort der Offenbarung Gottes:

 

Während Mose seine Herden treibt, erblickt er einen Dornbusch, der zu brennen scheint. Doch obwohl der Dornbusch brennt, verbrennt er nicht. Gott offenbart sich dem Mose in diesem brennenden Dornbusch.

 

(Sprecher 6)

Warum wählt Gott gerade einen Dornbusch zum Ort seiner Offenbarung? Wäre es für einen Gott nicht angemessener sich in einem viel edleren Johannisbrotbaum oder in einem Weinstock zu offenbaren?

 

Oder wählt Gott einen Dornbusch bewusst als Ort seiner Offenbarung, denn er zeigt uns damit: Ich bin immer bei euch. Ich trage euer Leid mit euch, und es gibt keinen Platz auf der Erde, der zu schlecht für mich wäre, um bei euch zu sein. Nicht einmal ein Dornbusch, der sonst höchstens zum Anzünden eines Feuers benutzt wird, hindert mich daran, bei euch zu sein und eure Not und euer Elend mitzutragen.

 

(Sprecher 5)

Auch im Neuen Testament werden Dornen zu einem Symbol dafür, dass Gott alles Leiden mit uns trägt und auf sich nimmt.

Vor der Kreuzigung Jesu flechten Soldaten einen Kranz aus Dornen und setzen ihn Jesus auf den Kopf.

Was für ein Gott, der zulässt, dass seinem Sohn eine Dornenkrone zum Spott aufgesetzt wird, um ihn dann ans Kreuz zu nageln! Und an so einen Gott wollen wir glauben? –

 

 

 

(Sprecher 6)

·        Ja, gerade an diesen Gott, der selber vom Himmel kommt und nicht teilnahmslos auf die Leiden der Menschen hinunterblickt.

·        Gerade an diesen Gott, der zum sichtbaren Menschen wird und der nun genauso begrenzt ist wie wir.

·        Gerade an diesen Gott, der ganz Mensch wird, obwohl er wusste, welches Leid ihm widerfahren würde.

·        Ja, gerade an diesen Gott können wir glauben, der uns so liebt, dass er freiwillig Mensch wird, freiwillig alle menschliche Angst und Armut alle Abgründe und schließlich sogar als Konsequenz aus seinem Leben und Handeln den grausamen Kreuzestod auf sich nimmt.

 

Das „Sich-aufsetzen-lassen der Dornenkrone“ wird so zum Symbol der Liebe Gottes zu uns Menschen,

Ist dieses nicht die ungeheuerlichste, aber auch zugleich schönste Aussage, die sich überhaupt denken lässt? Ein Gott, der uns so liebt, dass er selber für uns zum Menschen wird, sich verspotten lässt und für uns in den Tod geht.

 

(Sprecher 5)

Durch diese biblischen Aussagen sollten wir immer die Gewissheit haben, dass Gott uns nie verlässt, auch wenn wir manchmal denken, er wäre weit weg. Egal in welchem Leid – in welchem Dornbusch- wir uns gerade befinden, wir können die Gewissheit haben, dass es keinen Platz auf Erden gibt, der nicht gut genug für Gottes Anwesenheit wäre.

 

(Sprecher 6)

Weihnachten, das Fest, auf das wir uns vorbereiten, verkündet so einen im buchstäblichen Sinn „heruntergekommenen“ Gott, einen Gott, der nicht im Himmel bleibt, sich nicht hinter den Mauern seiner Ewigkeit verschanzt und nicht teilnahmslos auf die Leidensgeschichte der Menschen herunterblickt. Er ist einer von uns geworden, nackt und verwundbar: aus Fleisch und Blut!

 

 

(Musik)

 

(Sprecher 7)

Wenn Gott wirklich Mensch wird,

dann hat er sich unwiderruflich auf die Seite der Menschen gestellt, und zwar:

auf die Seite aller Menschen.

Dann kommt er nicht nur für die „Gerechten“,

sondern auch für die „Sünder“.

Dann ist er nicht nur ein Gott für die Frommen,

sondern auch ein Gott für die Gottlosen.

Dann sagt er auch Ja zu denen,

zu denen wir gewöhnlich Nein sagen:

zu denen, die anders sind als wir;

zu denen, die anders denken und handeln als wir;

zu denen, die wir verachten und geringschätzen.

 

 

Wenn Gott wirklich Mensch wird

Und zwar in dem verfolgten, verachteten und

Leidenden Jesus -, dann hat Gott eindeutig

Partei ergriffen

Für die, die um ihr Leben betrogen werden;

Für die, die an die Wand gedrückt und ausgenutzt werden;

Für die, die verlassen werden und einsam sind.

Dann teilt er ihr Schicksal.

 

 

Wenn Gott wirklich Mensch wird,

Dann wird Gott getreten, wenn Menschen getreten werden;

Dann wird Gott mißhandelt, wenn Menschen mißhandelt werden;

Dann wird Gott gefoltert, wenn Menschen gefoltert werden;

Dann wird Gott beschimpft, wenn Menschen beschimpft werden;

Dann betrifft alles, was an Menschen getan wird, Gott unmittelbar.

 

Kyrie (von CD)

 

(Sprecher 1)

Wir beten zu Gott, der unser Leben teilt, unsere Freude und unsere Not:

 

(Sprecher 2)

Für alle, denen Dornen den Weg versperren und Schmerzen zufügen. Mache Sie stark, ihr Leiden zu ertragen.

Christus höre uns, (alle antworten: Christus erhöre uns)

 (Sprecher 3)

Für alle, die durch Stacheldraht voneinander getrennt sind. Er schließt viele in Gefängnissen und Lagern ein. Ihn wegzuräumen ist mit Schmerzen und Wunden verbunden. Reiße ein alle Zäune und Barrieren, die Menschen voneinander trennen.

Christus höre uns, (alle antworten: Christus erhöre uns)

(Sprecher 2)

Für alle, deren Gedanken so eingezäunt sind, dass sie für andere kein offenes Herz haben. Hilf diesen, die Not der anderen zu erkennen und ihnen zu helfen.

Christus höre uns, (alle antworten: Christus erhöre uns)

 

(Falls noch sehr viel Zeit – bis etwa 5 vor 7)

Sprecher 1: Wir sprechen nun gemeinsam das Gebet, das alle Christen vereint und das Jesus uns zu beten gelehrt hat: Vater unser...)

 

(Sprecher 1)

Jesus, der in der Weihnacht geboren wurde, hat nicht nur auf Probe mit uns gelebt, ist nicht auf Probe für uns gestorben, hat nicht auf Probe geliebt.

Er ist das Ja und sagt das Ja, ein ganzes, unwiderrufliches, göttliches Ja zu uns, zur Menschheit, zur ganzen Welt.

Dieses Ja kann uns tragen, kann uns herausreißen aus Unsicherheiten, aus Not, aus Leiden, aus Schmerzen und Verzweiflungen.

Es will uns begleiten und so befähigen, selber Ja zu sagen.

Mögen wir sein Ja erfahren in uns, über uns, um uns. Und mögen es andere erfahren durch uns.

 

Wir beenden diese Frühschicht im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Im Anschluss laden wir alle zum gemeinsamen Frühstück ein.

 

 

Gottesdienst 5

Gottesdienst anlässlich des „Tags der Menschenrechte" am 14. Dezember 2002 um 18.00 Uhr in der evangelischen Kirche Cloppenburg

Thema: Die Menschenrechte in Zeiten des Krieges

Lied: Orgelvorspiel/ Gemeinde :EG 538 „Lobt den Herrn"

Eröffnung

Eingangsgebet:

Gott, wir haben Angst um diese Welt.
Angst vor der Zukunft, die uns unheilvoll erscheint.
Angst vor den vielen Bedrohungen des Lebens.
Angst, weil es keine wirkliche Sicherheit gibt.
Wir haben Angst davor, gelähmt zu sein vor lauter Angst.
Erbarme dich.

Gott, wir haben Angst um uns selbst.
Dass wir nicht schaffen, was wir uns vorgenommen haben.
Dass wir keine Zeit finden für die eigentlich wichtigen Dinge.
Dass uns die Zeit zwischen den Fingern zerrinnt und wir sie nicht
gefüllt haben.
Wir haben Angst davor, nicht genug auf unsere Angst zu achten.
Erbarme dich.

Gott, wir spüren unsere Angst.
Und wir merken, wie sie uns verändert.
Wir finden keine Ruhe, weil uns die Sorgen den Schlaf rauben.
Wir wollen Dir vertrauen. Du kannst unser Herz aufschließen.
Du kannst uns Ruhe schenken, von der wir kaum zu träumen wagen.
Hoffnung und Frieden. Amen.

Instrumentalstück

Zwei Fallbeispiele

Fall 1

„Wenn du zur Staatsanwaltschaft gehst, sag ihnen, du hättest dein Kind nach Hause geholt, dort sei es hingefallen und hätte sich die Wirbel gebrochen."

Diesen Rat erhielt die Mutter des 16-jährigen Sergej Kalinin (Pseudonym) von einem polizeilich bestellten Rechtsanwalt. Sie solle besser nichts über die brutale Behandlung ihres Sohnes in Polizeihaft verlauten lassen. Sergej Kalinin wurde am 14. September 2000 in Moskau verhaftet, weil er ein Fahrzeug gestohlen haben soll. Die Polizei hielt den Jugendlichen 24 Stunden lang auf der örtlichen Wache fest, ohne die Staatsanwaltschaft oder seine Eltern über seine Inhaftierung zu informieren.

Sergej gibt an, dass Polizisten ihn brutal auf Rücken und Kopf geschlagen haben. Die Beamten wollten ihn offenbar zwingen, den Diebstahl weiterer Fahrzeuge zu gestehen. Darüber hinaus wurde er mehrfach rücksichtslos mit dem Kopf gegen eine Wand gestoßen.

Nach seiner Freilassung diagnostizierten Ärzte bei dem 16-jährige einen Wirbelkompressionsbruch. Sergej leidet bis heute unter den Schmerzen der Misshandlungen. Am 28. Mai 2001 wurde der Junge vom Stadtgericht Kuntsewskij wegen Autodiebstahls zu drei Jahren Freiheitsentzug in einer Jugendstrafkolonie verurteilt. Nach einer Berufungsverhandlung kam er am 17. Juli 2001 auf Bewährung frei. Sowohl während der gerichtlichen Anhörungen als auch gegenüber der Staatsanwaltschaft beschwerte sich Sergej über die erlittenen Misshandlungen und Folterungen. Dennoch sind bis heute keinerlei Ermittlungen bezüglich seiner Vorwürfe eingeleitet worden.

Zwischenspiel (Instrumentalstück)

Fall 2:

Die 18 Jahre alte Cheda (Elsa) Kungajewa wurde am 26. März 2000 von russischen Soldaten unter dem Kommando von Oberst Jurij Budanow aus der Wohnung ihrer Familie in der Nähe von Grosny verschleppt. Der Oberst nahm die junge Frau mit in sein Zelt – angeblich um sie zu verhören – und erwürgte sie dort.

Ein Pathologe des Verteidigungsministeriums stellte nach der Obduktion der Toten fest, dass Cheda rund eine Stunde vor ihrem Tod brutal vergewaltigt worden war. Diese Erkenntnis wurde von der Staatsanwaltschaft ignoriert. Sie klagte den Oberst nur des Mordes und des Amtsmissbrauchs an.

Am 30. März 2000 wurde Oberst Budanow verhaftet. Er hat eingeräumt, Cheda Kungajewa getötet zu haben, jedoch in einem Zustand vorübergehender Unzurechnungsfähigkeit gewesen zu sein. Während seines Prozesses, der im Februar 2001 begann, wurde der Offizier mehrmals psychologisch untersucht. Eine dieser Untersuchungen bestätigte seine Behauptung. Sollte sich das Gericht dieser Meinung anschließen, kann er auf eine geringe Strafe hoffen. Oberst Budanow ist der erste Offizier der russischen Streitkräfte, der seit Ausbruch des Tschetschenienkonflikts 1999 wegen Verbrechen an der Zivilbevölkerung angeklagt wurde. Die Unterstützung der Öffentlichkeit und des Militärs hat er dadurch nicht eingebüßt.

In der ersten Woche seines Prozesses tauchte sogar General Wladimir Schamanow im Gerichtssaal auf und reichte Budanow demonstrativ die Hand. Diese Haltung lässt erahnen, welchen ungeheuren Schwierigkeiten sich die Opfer von Menschenrechtsverletzungen und ihre Familien gegenübersehen, wenn sie Gerechtigkeit und Wiedergutmachung einfordern.

Zwischenspiel (Instrumentalstück)

Psalm 31 (in Auszügen) nach der Übertragung von Arnold Stadler

Ja: auf dich habe ich gehofft
Lass mich nicht untergehen,
in alle Ewigkeit nicht.
Rette mich!
Bist du nicht gerecht?
Hör mich!
Komm doch endlich!
Sei mein Fels und mein Rettungsanker!

Du bist mein Kompass und mein Leuchtturm!
Die Schlingen, die sie mir heimlich
gelegt haben, wirst du wie Spinnweben
zerreißen, du, meine Zuflucht.

Herr, hilf noch einmal,
denn es ist wieder eng geworden.
Schon sehe ich mich zerfallen:
Augen, Seele und Leib.
Mein Leben ist ein einziger Schmerz.
Meine Zeit verrinnt als Klagelied.
Meine Seele ist durch dieses elende Leben
am Ende.
Meine schönen Glieder
sind keinen Blick mehr wert.
Nun können sie alle über mich lachen!
Eine Witzfigur für die Nachbarn,
ein Schreckgespenst für die Freunde,
eine Vogelscheuche;
wer mich zu sehen bekommt,
fliegt davon.
Man hat mich gnadenlos vergessen.
Ich bin wie ein Toter, von dem niemand mehr weiß.
Ich bin ein Scherbenhaufen.
Nun höre ich ihr Schlangengezischel,
es ist grauenhaft.
Der Mob hat sich zusammengerottet
gegen mich und nun wollen sie mich töten.
Ich aber, Herr!
setze meine Hoffnung ganz auf dich.
Ich sage: mein Gott.
In deiner Hand liege ich
mit Haut und Haar.
Entreiß mich ihren Tatzen!

Zeig dich in deiner Herrlichkeit
mir der am Boden liegt!
Hilf doch, guter Gott!
Lass mich nicht untergehen! schreie ich.

Untergehen sollen sie,
all diese Verbrecher,
zur Hölle mit ihnen,
hinab zu der) Toten!
Jedes Lügenmaul soll gestopft werden,
alle Mäuler, die frech gegen mich daherreden,
hochmütig, arrogant und aufgeblasen.

Wie erhaben bist dir Herr, und gut
zu allen, die dich als ihrern Gott
angenommen haben und verehren.
So bist du zu allen,
die vor den Menschen zu dir flüchten.
Du hältst deine Hand über sie:
ein Schutz vor dem Toben der Menschen.
Wie in einem Unterstand hältst du
sie vorn Gezeter der Meute fern,

Lied: Gemeinde : EG 580 „Ein Lied hat die Freude sich ausgedacht"

Aus dem Evangelium nach Lukas , 1. Kapitel, 46 - 55

46 Da sagte Maria: Meine Seele preist voll Freude den Herrn, 47: mein Geist ist voll Jubel über Gott, meinen Retter. 48: Denn er hat gnädig auf seine arme Magd geschaut. Von nun an preisen alle Geschlechter mich glücklich. 49: Denn der Mächtige hat an mir Großes getan; sein Name ist heilig. 50: Er schenkt sein Erbarmen von Geschlecht zu Geschlecht allen, die ihn fürchten und ehren. 51: Sein starker Arm vollbringt gewaltige Taten: Er macht die Pläne der Stolzen zunichte; 52: er stürzt die Mächtigen vom Thron und bringt die Armen zu Ehren; 53: er beschenkt mit seinen Gaben die Hungrigen, die Reichen aber schickt er mit leeren Händen fort. 54/55: Er nimmt sich gnädig seines Knechtes Israel an, denn er denkt an das Erbarmen, das er unseren Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen, für ewige Zeiten.

Ansprache

Liebe Gemeinde, liebe Freunde von amnesty international!

Sie kennen alle das berühmte Bild von den drei Affen. Einer verdeckt mit den Händen seine Augen, der zweite seine Ohren, der dritte hält sich den Mund zu. Es will uns sagen, dass das Tratschen und Petzen und Angeben zwar zu den verbreitetsten, keinesfalls aber zu den vornehmsten Tätigkeiten des Menschen gehört.

Aber ist Wegsehen, Ohrenschließen, Schweigen tatsächlich immer weise? Sicher, es gibt Situationen im Alltag, da sehe ich diskret beiseite, schweige aus Höflichkeit, höre nicht, was mich nichts angeht. Aber genauso sicher ist, dass dem, der zu viel weghört und übersieht, Hören und Sehen vergehen könnte. Wer zu lange schweigt, der könnte mit allen seinen Lieben mundtot gemacht werden.

In uns Menschen sind zwei widerstrebende Richtungen. Die eine verlangt von uns, dass wir uns wie die drei Affen verhalten, um des lieben Friedens willen, um unsere Ruhe zu haben, um uns nicht auseinandersetzen zu müssen mit dem, was vielleicht nicht in Ordnung ist. Die andere aber, und ich habe den Eindruck, sie wird in diesen Wochen immer lauter, verlangt nach Reden, aber einem Reden, das von Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit geprägt ist. Wohl selten in unserer Geschichte ist den Politikern so häufig wie in den letzen Wochen vorgeworfen worden, dass sie lügen. Gerade war vor einigen Tagen in der Zeitung zu lesen, dass nur 30 % der Jugendlichen den Politikern überhaupt noch glauben.

Es gibt Situationen, da hört der Spaß auf, da muss die Wahrheit auf den Tisch, auch wenn sie weh tut. In einer solchen Situation begegnen wir im heutigen Evangelium Maria. Israel, das gelobte Land, das Gott den aus Ägypten befreiten Sklaven geschenkt hat, ist wieder besetzt, dieses Mal von den Römern. Da römische Bürger von den Steuern befreit werden, muss das Geld aus den besetzten Provinzen kommen. Neben der Grundsteuer gibt es eine Kopfsteuer, die jeder Bürger als Person und unabhängig von seinem Vermögen entrichten muss. Sie belastet vor allem die unteren Schichten, da auch Tagelöhner der Verpflichtung unabhängig von ihrem Verdienst nachkommen müssen. Daneben gibt es eine Reihe weiterer, sog. indirekter Steuern. Zudem fallen zahlreiche Zölle an. Auch müssen die Aufwendungen für öffentliche Bauten wie etwa Straßen von der Bevölkerung getragen werden. In diesem Zusammenhang kann das unterdrückte Volk in einem zeitlichen Rahmen auch zu Frondiensten herangezogen werden.

Vor diesem Hintergrund ist der Jubelgesang zu sehen, den Maria anstimmt, als sie bei ihrer Kusine Elisabeth erscheint: „Der Mächtige hat an mir Großes getan; sein Name ist heilig. Er schenkt sein Erbarmen von Geschlecht zu Geschlecht allen, die ihn fürchten und ehren. Sein starker Arm vollbringt gewaltige Taten: Er macht die Pläne der Stolzen zunichte; er stürzt die Mächtigen vom Thron und bringt die Armen zu Ehren; er beschenkt mit seinen Gaben die Hungrigen, die Reichen aber schickt er mit leeren Händen fort."

Wahrhaftig: Hier liest eine Frau den Mächtigen und Reichen die Leviten. Gott selbst, so sagt sie, stürzt die Mächtigen und Reichen. Er selbst ist es, der für eine gerechte Ordnung in der Welt steht. Schon immer haben die Propheten ungerechte Strukturen, Ausbeutung und Willkür angeprangert, haben das Gericht Gottes angedroht, wenn die Mächtigen ihr Verhalten nicht grundlegend ändern. Sie haben deutlich gemacht, worin das Grundübel des Menschen besteht: darin, dass er sich selbst zum Gott macht und, indem er an die Stelle Gottes tritt, dem Nächsten das Leben zur Hölle macht.

Wie aber soll das geändert werden? Der Plan, den Gott sich ausdenkt, ist verblüffend: Jede Form von Gewalt, die doch nur immer zu mehr Gewalt führt und keine Probleme löst, soll überwunden werden durch das Gute. Weihnachten ist die Versinnbildlichung dieser Botschaft. Es gibt niemanden auf der Welt, der mit einem Schlag alles umschalten könnte von Krieg auf Frieden, von Tod auf Leben; nach menschlichem Ermessen wird das niemals gelingen. Ein starker Mann hilft nicht. Nur ein Kind wird uns verheißen als Retter der Welt. Dieses Kind in seiner Hilfsbedürftigkeit und Wehrlosigkeit steht gegen das trügerische Vertrauen in die eigene Stärke, gegen das Misstrauen und gegen menschliche Ehr- und Ruhmsucht:

Ich weiß nicht, warum der Tag der Menschenrechte mitten in den Advent fällt, aber mir scheint dieser Zeitpunkt genau richtig. Der Advent ist die Zeit der Erwartung, aber auch der Besinnung und Umkehr. Noch sind wir nicht am Ziel, noch gibt es überall auf der Welt Leid, Ungerechtigkeit und Krieg, werden die Menschenrechte auf die unterschiedlichste Weise verletzt. Und gerade in diesen Tagen hat man manchmal den Eindruck, als sei das Reden über die Menschenrechte unzeitgemäß. Die Gedanken an den Konflikt mit dem Irak beherrschen die Titelseiten der Zeitungen. Gespannt lauscht man auf Signale, die klären, ob es zum Krieg kommt. Wo aber vom Krieg die Rede ist, haben die Menschenrechte keine Chance.

Die Diskussion in den USA über die Frage, ob es nicht erlaubt sein müsse, Menschen zur Abwehr von möglichen Anschlägen zu foltern, zeigt beispielhaft, dass wieder gedacht wird, was wir eigentlich überwunden glaubten. Und die bei uns geplanten oder schon beschlossenen Antiterrorgesetze kommentierte der ehemalige Bundestagsvizepräsident und FDP-Politiker, Burkhard Hirsch, mit folgenden Worten des einstigen amerikanischen Präsidenten Benjamin Franklin: „Wer die Freiheit um der Sicherheit willen aufgibt, der verliert am Ende beides." Auch die neue Antiterrorallianz, in der die Bundesrepublik Mitglied ist, lässt befürchten, dass unter den Bündnispartnern von China bis Russland die Frage der Menschenrechte eine eher nebensächliche Rolle spielt.

Am Beispiel Russland kann man Fortschritte, aber auch Rückschritte im Kampf um die Einhaltung der Menschenrechte ablesen: Gulags und psychiatrische Anstalten, in denen Tausende politische Gefangene verschwanden, gehören seit dem Untergang der Sowjetunion ebenso der Vergangenheit an wie die weit verbreitete Anwendung der Todesstrafe. Rechte werden gewährt, wo früher Unrecht den Ton angaben; Gerechtigkeit wird geübt, wo früher Straflosigkeit herrschte; und Erinnerungen an vergangenes Unrecht sorgen dafür, dass heute kein Mächtiger glauben darf, ungestraft Unrecht begehen zu dürfen. Trotzdem besteht in Russland immer noch eine Kluft zwischen dem Anspruch und der Wirklichkeit der Menschenrechte. Auch heute noch verletzen Staatsbedienstete grundlegende Menschenrechte. Nur selten werden die Verantwortlichen dafür vor Gericht zur Rechenschaft gezogen. Folter und Misshandlungen gehören auf Polizeistationen zur routinemäßigen Praxis. In den überfüllten Haftanstalten, in denen Krankheiten grassieren, herrschen derart schlechte Bedingungen, dass von grausamer, unmenschlicher und erniedrigender Behandlung gesprochen werden muss.

Die drei Affen können uns lehren, nicht alles so wichtig zu nehmen, wie es zu sein scheint. Sie können uns aber auch darauf hinweisen, dass es Situationen gibt, wo man sehen, hören, reden muss. Die Propheten des Alten Bundes haben geredet. Sie haben sich nicht wegjagen lassen. Man musste sie schon umbringen, um sie am Reden zu hindern. Maria hat geredet. Sie, eine schwache Frau, hat deutlich gemacht, wo Gott zu finden ist: auf der Seite der Armen und Rechtlosen. Viele Frauen und Männer in aller Welt haben immer wieder Unrecht angeprangert und tun es heute. Die Menschenrechtsorganisation amnesty international versteht sich ganz bewusst als „Stimme der Verstummten". Wir können erst dann in Freiheit und Sicherheit leben, wenn überall auf der Welt die Menschenrechte geachtet werden.

Die Dichterin Marie Luise Kaschnitz hat es in einem Gedicht so ausgedrückt:

Ob wir davonkommen ohne gefoltert zu werden,
ob wir eines natürlichen Todes sterben,
ob wir nicht wieder hungern, Abfalleimer nach Kartoffelschalen durchsuchen,
ob wir getrieben werden in Rudeln, wir haben‘s gesehen.
Ob wir nicht noch die Zellenklopfsprache lernen,
den Nächsten belauern, vom Nächsten belauert werden,
und bei dem Wort Freiheit weinen müssen.
Ob wir uns fortstehlen rechtzeitig auf ein weißes Bett
oder zugrunde gehen am hundertfachen Atomblitz,
ob wir es fertigbringen mit einer Hoffnung zu sterben,
steht noch dahin, steht alles noch dahin.

Das ist unsere Herausforderung: Dafür zu sorgen, daß jeder Tag im Kampf um die Allgemeingültigkeit der Menschenrechte zählt, bis zu dem Tag, an dem kein Mann mehr gefoltert, keine Frau mehr missbraucht, keinem Kind mehr seine Würde verweigert wird – bis zu dem Tag, an dem die Grund- und Freiheitsrechte für alle Menschen Wirklichkeit geworden sind.

Amen

Lied: Gemeinde : EG 426 „Es wird sein in den letzten Tagen"

Fürbittgebet:

Wir antworten auf die einzelnen Fürbitten: Herr, erbarme dich.

Gott, wir danken Dir, daß Du Menschen immer wieder die Kraft gibst, sich für andere Menschen einzusetzen. Wir bitten dich an diesem Geburtstag der Menschenrechte für alle, deren Rechte verletzt und mit Füßen getreten werden:

1. Für die Menschen, die in den Kerkern und Verliesen dieser Welt zum Schweigen und Sterben verurteilt werden, bitten wir um Recht und Gerechtigkeit.

o Herr, erbarme dich

2. Für die Landlosen in Brasilien und an anderen Orten die von ihrem Land vertrieben werden, bitten wir um gerechte Verteilung von Boden und Gütern.

o Herr, erbarme dich

3. Für die Frauen und Kinder, die überall auf der Welt in die Prostitution gezwungen werden, bitten wir um Befreiung.

o Herr, erbarme dich

4. Für die Menschen auf der Flucht überall auf der Welt und unter uns bitten wir um menschenfreundliche Gastgeber und Nachbarn, die die Fremdlinge und Rückkehrer schützen und nicht bedrängen.

o Herr, erbarme dich

5. Für die Menschen in unserem Land, die ohne Arbeit und Wohnung ausgegrenzt ihr Dasein fristen, bitten wir um deine Hilfe.

o Herr, erbarme dich

Vater unser ...

Segensgebet/ Sendung

Wut, Mut und Tränen wünsche ich dir.
Auf dass du´s nie verlernst,
dich nach Utopien zu sehnen,
das wünsche ich dir.

Hoffnung und auch Sehnsucht
Sollen dich begleiten auf deinem Weg.
Auf dass du nie die Flinte ins Korn wirst,
das wünsche ich dir.

Ehrliche Freunde sollen mit dir sein
In guten und in schlechten Tagen,
und dass ihr euch wärmt und tröstet,
lacht und weint,
und braucht nicht zu verzagen.

Unrecht und Macht in falschen Händen,
wenn du sie siehst, lass sie nicht bestehen.
Geh sie an mit deinen eigenen Waffen,
dann kannst du weitersehen.

Wut, dich gegen alles längst Verfaulte aufzulehnen,
Mut, zu träumen und dich Deiner Träume nie zu schämen,
Tränen, die ein Zeichen sind für die Kraft Deines Lebens,
ich wünsche dir auf Deinem Weg
Wut, Mut und Tränen.

Lied: Gemeinde : EG 16 „Die Nacht ist vorgedrungen" Strophen 1+4+5