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Allerheiligen03: Ökumene-wohin?

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Allerheiligen 03: Ökumene - wohin ?

 

Vorsitzende des Verbandes der Kath. Religionslehrerinnen und –lehrer an Gymnasien im Bistum Münster

Irmgard Alkemeier

Ernst-Tertilt-Str. 21

48351 Everswinkel

Uns verbindet mehr als uns trennt

Ökumene-Tagung zu Allerheiligen

Cloppenburg/Stapelfeld.  „1 :0 für Gott!“ hieß es in einer Berliner Zeitung zum Ende des Ökumenischen Kirchentages 2003. Was ist geblieben von der Begeisterung der Teilnehmer? Welche Impulse hat der Ökumenische Kirchentag gegeben, die in Schule und Gemeinde weiter wirken? Wie lässt sich der Gedanke der Ökumene weiter vertiefen und voran treiben?

 

Die Heimvolkshochschule Cloppenburg hatte gemeinsam mit dem Münsteraner und Osnabrücker Verband für Religionslehrerinnen  und –lehrer an Gymnasien und dem Generalvikariat Münster zu einer Fortbildungsveranstaltung eingeladen, bei der diese Fragen reflektiert und diskutiert wurden. Beeindruckt waren die Teilnehmer von den Ausführungen der beiden Referenten. Dr. Elisabeth Raiser, die Präsidentin des Ökumenischen Kirchentages, nahm eine Standortbestimmung vor und zeigte weitere Perspektiven der ökumenischen Arbeit auf. Dr. Michael Kappes, Beauftragter der Fachstelle Ökumene im Bistum Münster, beleuchtete die Fragen aus katholischer Sicht und stellte den Teilnehmern den ‚Grundkurs Ökumene’ vor, der Anregungen und Impulse für die ökumenische Arbeit in Schule und Gemeinde gibt.

 

Die Teilnehmer waren sich einig, dass der Ökumenische Kirchentag ein großer Erfolg war und wichtige neue Kontakte zwischen Christen unterschiedlicher Konfessionen und Religionen wachsen ließ. Er war ein einer immer säkularer werdenden Gesellschaft ein Symbol für die der Integrationskraft des christlichen Glaubens.

 „Christen haben auch erfahren, dass sie noch viel voneinander lernen können und möchten. Der geistliche Gewinn des Ökumenischen Kirchentages ist die Unumkehrbarkeit des Erlebens, und die Erfahrung, dass Christen nicht voneinander lassen wollen. Bei allen Diskussionen um die Ökumene und vor allem um das gemeinsame Abendmahl sollte uns immer bewusst sein, dass uns viel mehr verbindet als uns trennt,“ betonte Dr. Kappes.

 

Dr. Raiser unterstrich in diesem Zusammenhang die Symbolkraft einer ökumenischen Taufgedächtnisfeier. „Die Taufe ist das Sakrament der Einheit, sie verbindet uns Christen über alle Konfessionsgrenzen hinweg, das sollte deutlicher in unser Bewusstsein treten.“ Die Referentin forderte eine Ökumene der Solidarität, die im gemeinsamen Engagement für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung verbindet. Immer wieder neu zu betonen sei die jetzt schon vorhandene die ‚Ökumene des Zeugnisses’ über das, was Christen gemeinsam im Glauben trägt und zu engagiertem Handeln motiviert. „Arbeiten Sie vor Ort in ökumenischen Projekten miteinander,“ ermutigte Dr. Raiser die Fortbildungsteilnehmer zu einer von Hoffnung getragenen Perspektive für den weiteren ökumenischen Weg.

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Elisabeth Raiser

 

Ökumene wohin?

Standortbestimmung und Perspektiven nach dem Ökumenischen Kirchentag.

 

Studientag für Religionslehrerinnen und –lehrer an Gymnasien

Stapelfeld, 1.11.2003

 

Ökumene wohin? Der Titel zeigt  eine Bewegung an. Und damit möchte ich eigentlich beginnen: der Ökumenische Kirchentag war und ist Teil einer Bewegung, nicht so sehr Teil offizieller ökumenischer Gespräche. Wir haben im Vorfeld von Berlin oft von einem Weg gesprochen – ich selber habe diesen Prozess einen hellen Weg genannt, weil er uns einfach sehr viel Spaß gemacht und viele Hoffnungen weckte, die wir in allen Kirchen seit langem spüren. Die Bundespost hat eine Sonderbriefmarke zum ÖKT herausgegeben mit dem Regenbogenzeichen, und vielleicht erlauben Sie mir, dass ich entlang dem Regenbogen und dem Wegsymbol ein wenig meditativ in die heutige Thematik einsteige. Diese Symbolik ist mir umso wichtiger als wir in einer Zeit leben, in der die überkommenen Werte unserer westeuropäischen Gesellschaften in Frage gestellt werden, in dem das Christentum nicht mehr in hohem Ansehen steht, der Papst sogar sagen kann, dass es heute gesellschaftlich leichter ist, sich als Agnostiker denn als Gläubiger zu bezeichnen und dass sich Nichtglauben heute wie von selbst versteht, wogegen Glauben einer gesellschaftlichen Legitimation bedarf, die weder selbstverständlich ist, noch vorausgesetzt wird. (Päpstliches Schreiben ‚Eccelsia in Europa’).

 

Das Symbol des Weges ist das uralte Symbol des Volkes Israel, und dann auch des christlichen Gottesvolkes. Das wandernde Gottesvolk! Die Evangelien erzählen von einem wandernden, nicht sesshaften Jesus, der eine Schar von Jüngern und Jüngerinnen um sich sammelte, die ebenfalls ihre Häuser und Dörfer verließen, um mit ihm zu ziehen und das Kommen des Gottesreiches zu verkünden. Von fest gefügten Strukturen und sicheren Orten ist in den Evangelien kaum die Rede.

Eine der schönsten Geschichten des neuen Testaments ist die Erzählung von den beiden Jüngern – oder war eine vielleicht eine Frau? – die nach Emmaus zogen, denen Jesus auf dem Weg begegnete, den sie aber nicht erkannten. Als ihnen beim Brotbrechen schließlich die Augen aufgingen und er sie verlassen hatte, sagten sie erstaunt zueinander: brannte uns nicht das Herz, als er zu uns sprach? Das Herz brannte ihnen unterwegs – nicht in einer Synagoge, nicht in einem geschützten Raum. Hier erscheint uns der Weg ein Symbol für den Glauben, für die plötzliche, unerwartete Begegnung mit Christus. Nicht umsonst waren die beiden Jünger zu zweit: sie sprachen über ihre Enttäuschungen, genau wie wir heute oft über unsere Enttäuschungen als Kirchen sprechen. Die Sehnsucht der Jünger nach ihrem Herrn und Freund war groß, aber sie glaubten kaum, ihm je wieder zu begegnen. Gerade in dieser depressiven Stimmung erschien ihnen Jesus und gab ihnen sehr behutsam den Glauben zurück. Wer weiß, wann er uns begegnet. Die allgemeine Depressivität in den Kirchen könnte ihn ja einladen! Was jedenfalls im buchstäblichen Sinn in Gang gekommen ist, seit die Kirchen nicht mehr in unhinterfragtem Wohlstand und Ansehen sind, ist das Aufeinander Zugehen, bzw. der Beginn einer gemeinsamen Wegstrecke, die den andern wahrnimmt und nicht bekämpft, die im andern einen Weggenossen sieht, mit dem man Sorgen und Freuden teilen kann und mit dem zusammen man sich des Glaubens vergewissert.

 

Der Weg als Symbol der Ökumene hat etwas Herausforderndes: Er bedeutet nämlich, dass wir das Ziel nicht eindeutig bestimmen können: denn sonst würden wir uns mit Siebenmeilenstiefeln dorthin bewegen und könnten viele Hürden überspringen, um dies Ziel zu erreichen. Die Erfahrung der Ökumene ist jedoch, dass der Weg bereits ein Teil des Ziels ist. Die gemeinsame Wegstrecke trägt in sich schon einen Sinn. Wir sind vielleicht immer wie die beiden Jünger auf der Suche, wir sehnen uns nach Gottes Nähe, nach Einheit, nach Klarheit, und indem wir uns gemeinsam danach ausstrecken, kann uns unverhofft Jesus begegnen – oder kann der heilige Geist beginnen zu wehen. Er tut’s ja bekanntlich wo er will, und mich beschäftigt es immer wieder von neuem, dass Jesus seinen Jüngern den Tröster, den heiligen Geist in Joh. 16 als einen Begleiter auf dem Weg zur Wahrheit verspricht, jedoch nicht, dass sie die Wahrheit mit seiner Hilfe ein für allemal werden erfassen können. Wir sind Suchende, und wir können gemeinsam suchen. Das ist die große Verheißung der Ökumene für uns. Wir können sicher sein, dass wir uns dabei gegenseitig bereichern. Ökumene wohin? Meine erste Antwort ist: schon der Weg ist eine Zielbestimmung, und der ÖKT war dabei eine wichtige und ermutigende Etappe.

 

Meine zweite Antwort ist: es gibt Grundlagen unseres Glaubens, auf die wir unter keinen Umständen verzichten wollen. Und hier ist der Regenbogen als Symbol von Bedeutsamkeit. Gott hat nach der Sintflut einen ewigen Bund mit den Menschen geschlossen, und zum Zeichen seiner Treue den Regenbogen an den Himmel gesetzt. Ein wunderbares Symbol für die Vielfalt, für die Verbindung zwischen Himmel und Erde, für die Schöpfung und ihre Erhaltung. Dieser erste Bund wurde mit dem Volk Israel später erneuert, im Sinaibund kamen die Weisungen oder Gebote für das gerechte und gute Zusammenleben der Menschen dazu. Jesus hat, wie er immer wieder sagt, dieses Gesetz nicht aufgehoben, sondern erfüllt, und sein Volk, die Kirche, lebt von der Verheißung seines neuen Bundes. Diese Kirche ist der „Ort der alten Visionen, an denen wir festhalten wollen: Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Gnade, Vergebung, Versöhnung und Trost; Zorn über Unrecht, Wahrnehmung der Welt aus der Perspektive der Armen und der Opfer.“ Die Seligpreisungen sind der vielleicht dichteste Ausdruck für diese Visionen. In der Taufe werden wir alle Glieder dieser einen Kirche.

Die Taufe ist also eines der wirksamsten und überzeugendsten Symbole der Einheit der Kirche – ich denke, wir sollten sie als solches wieder entdecken und entfalten. Ich komme gleich darauf zurück.

 

II. Ich komme nun in meinem eigentlichen Referat  zum Ökumenischen Kirchentag und seiner Bedeutung. Welche Standortbestimmung auf dem gemeinsamen Weg können wir nach diesem Ereignis vornehmen, welche Perspektiven hat er für die zukünftige ökumenische Arbeit eröffnet? Lassen Sie mich in neun Punkten dazu Stellung nehmen:

 

  1. Der Ökumenische Kirchentag war ein weithin sicht- hör- und spürbares Zeichen für die Integrationskraft des christlichen Glaubens und der Kirchen und hat gezeigt, dass die christliche Botschaft allen Unkenrufen zum Trotz auch heute anziehend ist. Eine intensive Suche in Glaubensfragen zeichnete den ÖKT aus und alle Veranstaltungen zu Glaubensfragen waren ausnehmend gut besucht. Das gleiche gilt für die die meisten Bibelarbeiten und für die Gottesdienste. Es gab unterschiedliche und vielfältige Antworten, die sich aber nicht ausschlossen, sondern ergänzten. So wurde bei aller Vielfalt der Antworten deutlich, dass die christliche Botschaft Spaltungen zu überwinden vermag, dass der Glaube eine nach wie vor starke Antriebskraft ist und die Menschen aufeinander zu bewegt und dass die Christen aus diesem Glauben heraus einen unverzichtbaren Beitrag in unserer Gesellschaft leisten. Er hat die mehrheitlich neuheidnische Stadt Berlin für Tage in seinen Bann geschlagen, sodass die Berliner Presse ganz selbstverständlich und mit der Zustimmung der Bevölkerung rechnend meldete, der nächste Ökumenische Kirchentag werde selbstverständlich wieder in Berlin sein. Die vielen versammelten Christen konnten etwas bewirken und steckten mit ihrer gelassenen Freude rundherum die Menschen an, einschließlich der Polizei und einschließlich der jungen Generation. !:0 für Gott titelte eine Tageszeitung am Tag nach dem DFB Pokalspiel und dem Ende des Kirchentages!

 

  1. Der Ökumenische Kirchentag hat der Ökumene viel Rückenwind verschafft. Das sagen nicht nur wir, die Verantwortlichen für das Ereignis, sondern ich habe diese Einschätzung von etlichen Kirchenführern aller Konfessionen gehört, zuletzt bei dem Aachener Friedensgebet der Sant Egidio Gemeinschaft im September und bei der Mitgliederversammlung der ACK in Fulda. Ich denke, ich teile mit vielen Beobachterinnen die Einschätzung, dass es eine wesentliche Botschaft des Ökumenischen Kirchentages gab, die man formulieren könnte: Die Gläubigen aller Kirchen, die hier in Berlin versammelt sind, wollen die Ökumene. Allein die Teilnehmerzahl von rund 200 000 war sozusagen eine Abstimmung mit den Füßen für die Gemeinschaft der Kirchen. Das Kommen dieser vielen Menschen, ihre konzentrierte Aufmerksamkeit, ihre aktive Beteiligung auf allen Ebenen des Kirchentags, ihr auffallendes Interesse an den anderen Kirchen machte deutlich, dass die Gläubigen heute die Fragen der Zeit gemeinsam angehen wollen, gemeinsam nach Wegmarken der Orientierung suchen und sich nicht mehr auseinander dividieren lassen wollen. Um das tun zu können, wollen sie sich gegenseitig besser kennen lernen, und daher war es nicht verwunderlich, dass sie in so großer Zahl zu den Veranstaltungen im Themenbereich II strömten, in dem es um die im engeren Sinn ökumenischen Fragen, um Nähe und Unterschiede in Glaubens- und Traditionsfragen und um die  Beziehungen der Kirchen untereinander ging. Der große Zulauf am Freitag zur Einführung und Bestätigung der Charta Oecumenica ist nur ein Beispiel unter vielen.

 

  1. Ein starkes Symbol für diese Gemeinschaft und Einheit war die an die Taufe erinnernde Segensgeste beim Schlussgottesdienst. Daran können wir auf unserem weiteren gemeinsamen ökumenischen Weg anknüpfen! Angesichts der Unmöglichkeit, gemeinsam Abendmahl zu feiern, war das Bedürfnis nach einem andern starken und sakramentalen Ritus der Gemeinschaft sehr groß. Die innere Gesammeltheit, die gleichzeitige Begeisterung und fast möchte ich sagen Hingabe, mit der die Gläubigen sich gegenseitig mit Wasser segneten, war ein bewegender Ausdruck dafür. Das christliche Gottesvolk hat einmal mehr bewiesen, dass es zur Erneuerung begabt ist und dass es eine große Offenheit für das Wehen des Geistes hat. Das macht es spirituell erfindungsreich und offen für Sinn gebende symbolische Handlungen, und eine solche Handlung war der Wasserritus. Aus diesen Erfahrungen heraus und aus theologischen Überlegungen frage ich mich, welche Möglichkeiten wir ausmachen können, um das Sakrament der Taufe, der Tauferinnerung auch als Sakrament der Einheit stärker zu beleben. Es ist weniger an das geweihte Amt gebunden als die Eucharistie, und daher haben Laien, die ja die Träger der Kirchentagsbewegung und in vielem auch der ökumenischen Bewegung sind, eine eigene wenn nicht sakramentale, so doch symbolische Handlungsmöglichkeit. ( Schon im II. Vatikanischen Konzil sprach das Ökumenedekret davon, es gebe „eine gewisse, wenn auch nicht vollkommene Gemeinschaft“ zwischen der RKK und den Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, die das Bekenntnis zu Jesus Christus und die eine Taufe mit der RKK teilen. Ähnliche Erklärungen gibt es von der Russisch orthodoxen Kirche und vom Ökumenischen Rat der Kirchen. In einer jüngeren Erklärung des Vatikan heißt es, dass dieser gewissen, Gemeinschaft nicht nur geistig moralische, sondern sakramentale Qualität zuzusprechen sei und daher von einer wirklich ekklesialen Gemeinschaft gesprochen werden kann.) In der gegenseitigen Anerkennung der Taufe als Sakrament bekräftigen die Kirchen, dass der eine Leib Christi eine universale Wirklichkeit ist, der über die eigene Kirche hinaus reicht. Daher haben wir beim ÖKT das Taufgedächtnis in den Mittelpunkt des Schlussgottesdienstes gestellt – und wie wir dankbar erfahren konnten, hat das Kirchenvolk diese Anregung begeistert aufgenommen.

 

  1.  Vielleicht drängt eine solche Erkenntnis und der große Wunsch der Gläubigen nach wirksamen und nicht nur verbalen Symbolen der Einheit die Kirchenleitungen und Theologen, ihre Gespräche zum Abendmahl, Amt und Kirchenverständnis bald und konstruktiv weiter zu führen. Wenn ich es richtig sehe, geht es bei der Abendmahlsfrage ja nicht mehr um das richtige Verständnis des Abendmahls, sondern um den richtigen Vollzug des Sakraments. So konnte Bischof Dammerts beim Aachener Friedensgebet davon sprechen, dass die Kirchen auch in der Abendmahlsfrage zu einem differenzierten Konsens kommen könnten, ähnlich wie es bei der Rechtfertigungslehre in Augsburg geschehen ist. Als Laie kann ich nur sagen: wir hoffen und drängen darauf – und mittlerweile können wir unsere neu gewonnene Einheit in der Tauferinnerung feiern.

 

  1. Es gibt seit dem Beginn der ökumenischen Bewegung eine gewisse Spannung zwischen unterschiedlichen ökumenischen Ansätzen, die ich etwas verkürzt die Ökumene der Einheit und die Ökumene der Solidarität nennen will. Beide waren auf dem Kirchentag sicht- und hörbar vertreten. Für die ökumenische Bewegung wie sie im evangelischen Kirchentag aufgenommen und weiter entwickelt wurde, geht es in erster Linie um die Zusammengehörigkeit der weltweiten Christenheit, ja der ganzen Menschheit auf diesem Erdkreis. Christen und Kirchen sind miteinander durch ihren Glauben verbunden, es gibt eine gegenseitige Rechenschaft und Verantwortung füreinander; gemeinsam wollen sie für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung eintreten. Die theologischen Fragen spielen in diesem Ansatz zwar eine wichtige Rolle, stehen aber immer im direkten Zusammenhang mit dem sozialen Engagement und dem Friedenszeugnis. Zentrale Bibeltexte in diesem Verständnis sind die Bergpredigt, die Propheten, die Gleichnisse Jesu vom Reich Gottes.

 

Dem gegenüber ist das ökumenische Leitbild auf Seiten der katholischen Kirche, aber auch der orthodoxen Kirchen eher die Einheit der Kirche. Die Römisch Katholische Kirche ist selbst Weltkirche und kann das weltweite soziale und Friedensengagement in den eigenen Reihen verwirklichen. Sie braucht dafür die andern Kirchen nicht unbedingt. Ich sage das vielleicht etwas zu vereinfachend, denn ich weiß natürlich, dass die Vertreter der RKK immer wieder betonen, dass sie leiden unter dem Schmerz der Trennung, und wir anerkennen alle, dass der Papst mit seiner schon 1986 ergangenen  Einladung an alle Kirchen und Religionen zum Friedensgebet in Assisi das gemeinsame Zeugnis zum Frieden sichtbar machen wollte. Aber dabei bleibt die RKK die Einladende und bestimmt sozusagen die Agenda. Alle anderen sind Gäste im katholischen Haus und nicht wirklich gleichberechtigte Partner.

 

Es geht der RKK bei ihren ökumenischen Bemühungen insgesamt eher um eine Annäherung der Kirchen in Glaubens- und Traditionsfragen und weniger um die gemeinsame weltweite Solidarität. Ein zentraler biblischer Texte ist in diesem Ökumene Verständnis Johannes 17: dass sie alle eins seien, damit die Welt glaube.    Der Vortrag von Kardinal Kasper entfaltete sehr überzeugend diese Vision.  So kann ich als Vertreterin des evangelischen Kirchentages sagen, dass die Zusammenarbeit mit dem ZdK, aber auch mit den Kirchen der ACK uns im evangelischen Kirchentag einen neuen Blick und ein wacheres Verständnis für diesen ökumenischen Ansatz gebracht hat: ich empfinde es als eine Erweiterung des Horizonts und eine Vertiefung der ökumenischen Kultur. Hier ist also eine weitere Zusammenarbeit sicherlich sinnvoll und notwendig, wollen wir ökumenisch weiterkommen. 

 

Dennoch möchte ich die Gefahr wenigstens benennen, dass wir angesichts dieser Bereicherung das Eigene des evangelischen Kirchentages, das heißt die weltweite solidarische Ökumene beginnen zu vernachlässigen  und den klassischen Themen des konziliaren Prozesses Gerechtigkeit, Frieden, Nachhaltigkeit nicht mehr die gleiche Aufmerksamkeit  widmen wie bisher. Die Einheitsökumene hat eine gewisse Verführungskraft, gerade weil sie so viel Medienwirksamkeit zeigt, wenn sie richtig inszeniert wird. Der ÖKT war auch dafür ein Beispiel. Dagegen haben die Nord-Südthemen keine rechte Presse. Was hier in Zusammenarbeit der Kirchen geschieht, sowohl hier in Deutschland wie  im Rahmen des Ökumenischen Rates der Kirchen wird oft kaum wahrgenommen, sondern überlagert von den Erfolgen oder dem Scheitern in den Fragen der Einheit. Dabei gäbe es gerade in diesen Fragen viele Möglichkeiten, die ökumenische Zusammenarbeit auch hier in Deutschland noch weiter zu stärken, was auf partnerschaftlicher, gleichberechtigter Basis geschehen sollte und wohl auch mehr und mehr geschieht. Der Ökumenische Kirchentag, der jedenfalls zwischen dem ZdK und dem evangelischen Kirchentag partnerschaftlich und auf gleicher Augenhöhe geplant und durchgeführt wurde, hat in dieser Art der Kooperation einen öffentlich auch wahrgenommenen Meilenstein gesetzt. Er hat damit angeknüpft an die Tradition der ökumenischen Versammlungen der 80er Jahre, die ich für unsere weitere Zusammenarbeit für unerlässlich halte. Vielleicht hat er dazu beigetragen, einen neuen Begriff der Ökumene zu entdecken: die Ökumene des Zeugnisses, an dem alle, Bischöfe und Laien beteiligt sind. Auch dafür war der Segensritus ein wichtiges Symbol – und ich bin sicher, niemand wird so schnell vergessen, wie sich unsere beiden Oberhäupter der großen Kirchen, Präses Kock und Kardinal Lehmann gegenseitig das Segenskreuz auf die Stirne gaben. Und ich persönlich werde nie vergessen, wie ich es dann vom Kardinal erhielt und ihn segnete. Immerhin: eine protestantische Laienfrau segnet einen römisch katholischen Kardinal. Die Hierarchie war für dies eine Mal durchbrochen!

 

  1. Das leitet schon über zum sechsten Punkt:  die Teilnahme und sichtbare Prägung des Kirchentags durch Bischöfe und Kirchenleitungen. In unseren eigenen Reihen hat es dagegen zunächst ziemlichen Widerstand gegeben, denn der evangelische Kirchentag versteht sich sehr bewusst als von der verfassten Kirche unabhängige Laienbewegung. Ich meine dem gegenüber, dass es in Berlin zu einer glücklichen Synergie zwischen kirchenleitenden Persönlichkeiten und Laien gekommen ist, die nicht zuletzt zu dem großen Erfolg des Kirchentages geführt hat. Die Präsenz der vielen Bischöfe und Bischöfinnen aller Konfessionen, ihr klares Bekenntnis zur Ökumene hat dieser in der Öffentlichkeit ein sehr positives Echo verschafft, das der Bewegung insgesamt neuen Schwung geben kann. Erste Früchte sind beispielsweise die vielen ökumenischen Initiativen auf regionaler und lokaler Ebene, die bereits im Vorfeld des ÖKT entwickelt wurden – ich denke dabei nur an die zahlreichen regionalen ökumenischen Kirchentage – oder die jetzt im Nachklang entstehen. In Bistum Aachen beispielsweise hat sich der Diözesanrat mittlerweile mit den Partnerkirchen zusammen gefunden, um eine kontinuierliche ökumenische Zusammenarbeit zu planen, obwohl die Kirchengrenzen gerade hier sehr unterschiedlich verlaufen und diese ökumenische Kooperation mit erheblichem Umständen verbunden ist. Aber der Impuls des Kirchentags wirkt hier nach. Ich bin sicher, dass dieses eine Beispiel, von dem ich kürzlich selbst gehört habe, nicht das einzige ist, und es würde sich wahrscheinlich lohnen, alle weiteren bekannt gewordenen ökumenischen Initiativen dieser Art zusammen zu tragen. 

 

  1. Die Streitigkeiten um das Abendmahl in der Gethsemanekirche waren gegenüber den insgesamt positiven Erfahrungen eher eine Randerscheinung und sind von den Kirchentagsteilnehmenden allenfalls als solche wahrgenommen worden. Leider hat die nachfolgende Suspendierung der beiden katholischen Priester den Zwist um das Abendmahl wieder in den Vordergrund gerückt, und die kritischen Äußerungen von Kardinal Ratzinger und Kardinal Meisner zum Kirchentag haben das Ihrige dazu getan, um diesen Eindruck in der Öffentlichkeit zu verstärken. Kardinal Lehmann hat diese Kritik entschieden zurückgewiesen, und es war interessant zu beobachten, dass eine Meinungsverschiedenheit der Kardinäle in der Öffentlichkeit ausgetragen wurde. Ein Beispiel unter vielen für die Vielschichtigkeit des katholischen Denkens! Das Gegenvotum des ZdK Präsidenten HJ Meyer war in seiner Klarheit und gewissen Schärfe dann seinerseits eine notwendige und hilfreiche Korrektur. Meines Erachtens ist sie kirchenpolitisch auch deshalb von besonderer Bedeutung, weil sie die Autonomie der Laien in der ökumenischen Bewegung und in der Verantwortung für den Berliner Kirchentag so deutlich hervorhebt.

 

  1. Der letzte Punkt, den ich erwähnen möchte, ist die große Beteiligung der ausländischen Gäste beim Ökumenischen Kirchentag in Berlin. Sie waren zahlreicher als bei jedem der voran gegangenen evangelischen Kirchentage gekommen, wobei die Besucher und Referentinnen aus dem europäischen Ausland natürlich überwogen, aber auch Afrika und z.B. Indien sehr stark vertreten waren. Bis zu einem gewissen Grad ist es also gelungen, den ÖKT zu einem Mikrokosmos der weltweiten Ökumene werden zu lassen, wie wir es immer gehofft hatten. Die Stimmen aus den ärmeren Regionen unserer Erde waren hörbar und haben uns einige Themen für unsere Weiterarbeit ins Stammbuch geschrieben. Dazu gehört ganz sicher die Herausforderung, eine ‚andere’, humane Globalisierung zu entwickeln, in der die Werte der Solidarität und Gemeinschaft gegenüber den heute vorherrschenden individualisierenden und  rein ökonomisch bestimmten Werten wieder zum Tragen kommen. Dass die Kirchen hier einen unverzichtbaren Beitrag zu leisten haben, ist offensichtlich.

 

  1. Wo liegen nun die Chancen der Ökumene nach dem Ökumenischen Kirchentag? Ich ziehe ich aus den Berliner Erfahrungen einige Schlüsse, die ich Ihnen gerne zur Diskussion vorlegen möchte:

 

-         Wir sollten darüber nachdenken, wie wir unsere Gemeinschaft im Sinn einer Ökumene des Lebens authentisch weiter entwickeln können. Dazu sind die Kirchenleitungen ebenso sehr gefordert wie die Laien. Die Tauferinnerung könnte ein spiritueller Weg sein, der schon heute im Einverständnis mit den kirchlichen Autoritäten gangbar ist. Könnte die gegenseitige Segnung mit Wasser nicht zu einem Symbol der Gemeinschaft in all unseren gemeinsamen Gottesdiensten werden?

-         Wir sollten für ein gemeinsames Abendmahl werben, wo immer das möglich ist. Die theologischen Argumente dafür sollten wir vertiefen und ebenso bekannt machen wie die Gründe der noch bestehenden Trennung.

-         Wir können an zahlreichen Stellen ein gemeinsames Engagement aller Christen für Fragen der Gerechtigkeit, des Friedens und der Nachhaltigkeit unterstützen und anregen. Der ÖKT hat gezeigt, dass die Menschen in diesen Fragen nicht mehr getrennt gehen wollen. Ein solches Engagement wird den Wunsch nach dem gemeinsamen Abendmahl als Sakrament der Einheit noch stärken. 

-         Die Kirchentagsbewegung ist ein wichtiger Bestandteil der Ökumene, bei dem die Laien wesentliche Entscheidungen treffen. Wir sollten uns fragen, wie wir den Beitrag der Laien zur Ökumene auch zwischen den Kirchentagen stärken können. Sie bewegen viel, wenn sie überzeugt sind: das konnte man beim ÖKT erleben!

-         Im Sinne der Charta Oecumenica, die beim Kirchentag durch die vielen Unterschriften der kirchlichen Würdenträger bestätigt wurde, sollten wir alle Möglichkeiten der ökumenischen Zusammenarbeit ausbauen, die sich uns anbieten. Dazu gehört die Gründung regionaler ACKs ebenso wie die Zusammenarbeit in der religiösen Erziehung, in der Erwachsenenbildung, in der diakonischen Arbeit usw.

-         Ebenso im Sinn der Charta Oecumenica wäre es, die europäische Dimension der ökumenischen Arbeit noch stärker auszubauen. Das gilt für die Kirchentagsbewegung ebenso wie für die Kirchen der ACK. Wir wachsen in Europa mehr und mehr zusammen, jedenfalls haben die Kirchen die Chance und Aufgabe, dazu das Ihre beizutragen. Diese Chance zu nutzen ist eine lohnende und herausfordernde Aufgabe, denn wir wissen nur zu gut, in welch unterschiedlichen Kulturen wir in Europa zusammenleben und dass es einer spirituellen und geistigen Bereitschaft, aufeinander zuzugehen bedarf, wenn wir diese kulturellen Unterschiede überbrücken wollen.

-         Daher würde ich einen weiteren ökumenischen Kirchentag von vornherein europäisch konzipieren. Ich glaube, wir können nicht einfach wiederholen, was wir in Berlin getan haben. Berlin könnte allerdings ein geeigneter Ort auch für einen europäischen ökumenischen Kirchentag sein.